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Rezension

Wie Würde wieder wertvoll würde

Michael J. Sandel, Vom Ende des Gemeinwohls - Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt

Michael J. Sandel, Vom Ende des Gemeinwohls - Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt (Cover: Verlag S. Fischer)

Kann man Populismus auch populistisch kritisieren? Man kann wahrscheinlich, obwohl das Michael J. Sandels „Vom Ende des Gemeinwohls“ hier nicht unterstellt werden soll. Doch darf man ja wohl noch fragen …

Des 365seitigen Buches Untertitel deutet Lösung an: „Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt“. All so nimmt man das Buch und liest erwartungsfroh über Rettung und erfährt u. a. gar manches darüber, wie die Leistungsgesellschaft den Populismus befördere. Man kann sich dann fragen, ob das ein so neuer Erklärungsansatz ist, wie ihn manch Rezension des Buches zu erkennen meinte. Und es hilft wahrscheinlich, sich den Autor des Werkes als Mitbegründer des Kommunitarismus, einer domestizierten Form von Kritik neoliberaler Politik, zu vergegenwärtigen.


Unfreiwillige Pointe

Erzählungen von Enden übersehen den Fluss. Jedem Ende wohnt auch ein Anfang inne, wie der beim vom Autor beschworenen Ende des Gemeinwohls aussehen möchte, ist eine andere – sicherlich bange – Frage, doch außer Frage steht, dass Enden kaum je durch den Rückzug auf vorherige Stadien und Positionen verhindert wurden. Das dürften die, von allen dem Verfasser dieser Zeilen bekannten Rezensionen, übersehene, unfreiwillige Pointe des Buches sein.

Doch beginnen wir beim Anfang. Sandel entwirft das Tableau der gesellschaftlichen Schichten der USA, führt Gewinner und Verlierer vor und spürt in einem „eine kurze Moralgeschichte von Leistung und Verdienst“ verheißenden Kapitel eher abgekocht der protestantischen Arbeitsethik Max Webers nach, die er in einem beinah drollig unoriginellen Aufguss als eine Grundlage der Leistungsgesellschaft verdampfen lässt. Dann kommt er auf „das Gerede vom Aufstieg“ zu sprechen und stellt sehr zutreffend die Genese der Marktgläubigkeit seit Thatcher und Reagan da, und wie sie von Clinton und Obama kaum kaschiert weitergeführt wurde. Dank Google Ngram erfährt man hier etwas ungläubig, wie oft Barack Obama in seinen Reden die fatale Floskel „you can make it“ einflocht oder welche verbale Inflation „you deserve“ zwischen 1970 und 2008 durchmachte.

Königsweg

Benötigt laut Sandel Würde

Benötigt laut Sandel Würde (Quelle: pxhere)

Harte Arbeit also nicht nur als Erfolgsrezept, sondern als Königsweg nach oben, wo zu sein, man dann selbstverständlich „deserved“ hat. Der Autor verweist hier darauf, dass seine Havard-Studenten ernstlich dem Glauben lebten, sich ihre Eliteposition auf dem Bildungsmarkt selbst erarbeitet zu haben und verblüffend zweifelsfrei in der Lage seien, erfolgreich von elterlichen Spenden und sonst welchen Privilegien zu abstrahieren. Das ist natürlich ein sehr amerikanisches Thema. Und das wird auf langen und langatmigen und leider auch teils schwer redundanten Seiten in einer Weise verhandelt, die immerhin den Vorzug zeitigt, dem nichtamerikanischen Leser klarzumachen, dass dieses Buch aus einer gänzlich anderen Kultur zu uns kommt – zum Wenigsten, was das Thema Studienplatzvergabe anbelangt und zumindest einstweilen noch …

Aus walzt Sandel diese Zusammenhänge freilich, weil es ihm mit gutem Recht um das Thema Bildung als Königsweg nach oben zu tun ist und darum, wie die Ideologie der Leistungsgesellschaft diesen betont bis betoniert. Es gelingt dem Autor auch, vorzuführen, wie das, was die Soziologie seit Michael Youngs von ihm so gepriesenen, wie insgesamt hierzulande vergessenem Buch „Of Meritocracy“ von 1958, Meritokratie nennt, unübersehbar den Wurzeln allen Populismus’ zuzuschlagen ist. Wie viel Erkenntnischarakter aber der Tatsache zukommt, dass die Bildungs-Eliten die an der Bildung weniger Partizipierenden ins Trump-Lager beförderten, ist keine philosophische Frage. Dies auch dann nicht, wenn der Rezensent eines Portals der Uni Duisburg-Essen dem Autor „tiefschürfendes und leichthändiges“ Erzählen attestiert. Tiefschürfend dürfte jedenfalls kaum zu nennen sein, dass Obamas „Bildung, Bildung, Bildung“ als politisches Programm fürs leistungsgesellschaftlich motivierte „you can make it“ solange Schlag ins Gesicht der weniger Gebildeten bleibt, wie das Bildungssystem, so wie von Sandel umfänglich beschrieben, eben via Nepotismus und Korruption das Gegenteil von Chancengleichheit und mithin Populismus produziert.

Dass Witze über „die Doofen“ in einer dergestalt strukturierten Gesellschaft das letzte sakrosankte Vorurteil sind, nachdem Rassismus und Frauen fürs Witzeln nicht mehr recht p. c. sind, möchte unterdessen auch außerhalb der amerikanischen Gesellschaft zutreffen und kann als eine der wenigen, leichthändig vermittelten Lesefrüchte verbucht werden. Zu diesen mag man auch die Genese des Plastikworts „smart“ zählen, dessen schier virale Fortpflanzung im Wortschatz der US-Politiker – spätestens seit Clinton und ObamaSandel sehr zutreffend als weiteren Indikator bildungsbürgerlicher Hybris wertet.

Wider wieder Würde

Hat zu viel davon

Hat zu viel davon (Quelle: pxhere)

Werden derlei Auslassungen dem Buch gerecht? Vielleicht nicht, vielleicht doch. Dass das Buch einen kommunitarischen Subtext in Gestalt einer Auseinandersetzung mit Theoremen vom Schlage eines Philosophen wie John Rawls enthält, hilft nur den an amerikanischer, pragmatischer Philosophie Interessierten weiter, dem ums Gemeinwohl besorgten Leser aber unterm Strich kaum bis gar nicht.

Brenzlig aber scheint es zu werden, wenn Sandel die gute, alte Würde als ernstliche Pointe seiner Herleitungen populistischer Quellen wider dieselben aus dem Hut zaubert. Würde müsse nämlich der Arbeit der weniger bis Ungebildeten wieder zuteilwerden, erfährt der ob derlei Empfehlung irritierte Leser. Würde würde helfen, wenn wer würdigte, dass es unter der Würde aller weniger bis ungebildeten Arbeitnehmer wäre, Würde bei denen oben, den vermeintlich Gebildeten, einzuklagen. Sandel verfällt hier nicht nur auf verblüffend unphilosophische Lösungen; es schnurrt hier sein redundanzseliger Text auf Kochbuchniveau zusammen – angewandte Handreichungen und so drollige Ideen wie die, Studienplätze nach einem Losverfahren zu vergeben, das, ohne eitel frommen Glauben möchte das nicht abgehen, sich aller Korruption entschlüge.

Der Verfasser dieser Zeilen ätzt hier ein wenig, weil er das Buch erwartungsfroh noch mit allen argen Wiederholungen in der unerfüllten Hoffnung auf einen fulminanten Schluss durchlas. Vielleicht fände der sich im üppigen Anmerkungsapparat, den durchzuschmökern, man aber keine rechte Lust mehr verspürt.

Nicht produktiver

Der Würde würdig?

Der Würde würdig? (Quelle: pxhere)

Dass unterdessen ökonomische Grundlagen das Zerreißen unserer Demokratien durch den Populismus gebären, entgeht dem Kommunitarier nicht. Er beschreibt den Zusammenhang aus explodierendem Finanzwesen und schrumpfender Realwirtschaft und verweist auf den sattsam bekannten Umstand, dass das Finanzwesen die Wirtschaft nicht produktiver mache. (S. 345) Adair Turner habe geschätzt, dass in den USA und dem UK „nur 15 Prozent der Finanzströme in neue produktive Unternehmungen und nicht in die Spekulation auf existierende Werte oder Phantasie-Derivate“ flössen. (S.347) So zutreffend derlei Hinweise sind, und so offenbar sie als Invektiven gegen Ökonomie als Glückspiel taugen, haben sie doch schon beinah Patina angesetzt. Mit den „fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie“ hat sich gegen Ende des letzten Jahrtausends etwa ein Karl-Heinz Brodbeck in seinem gleichnamigen Buche schon ungleich philosophischer auseinandergesetzt, ohne dabei in altlinke Mottenkisten greifen zu müssen.

Wenn Sandels Buch am Ende womöglich doch nicht völlig implodiert, dann allenfalls durch aktuelle, dem Buche noch nicht eingeschriebene, pandemische Verhältnisse. Um das Gemeinwohl (wieder) zu erreichen, schwant Sandel ernstlich, sei vollkommene Gleichheit notwendig. Erforderlich sei allerdings, dass Bürger aus unterschiedlichen Lebensbereichen in gemeinsamen Räumen und an öffentlichen Orten zusammenträfen. „Denn so lernen wir zu verhandeln und unsere Differenzen auszuhalten. Und so schaffen wir es, uns um das Gemeinwohl zu kümmern.“ (S. 361) Es gehört zum Fatalen (oder eben genau nicht Schicksalhaften) unserer pandemischen Tage, dass das Banale solchen Ratschlusses fürs Gemeinwohl das aktuellste bis prekärste ist – gemein, wohl.

 

Cover

Cover (S. Fischer)

Michael J. Sandel
Vom Ende des Gemeinwohls, Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt
Verlag S. Fischer, ISBN 978-3-10-390000-2, Hardcover, 365 Seiten
Deutsch von Helmut Reuter, 25,- €

 

 

 

 

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Datum 7. April 2021
Autor Burkhard Talebitari
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