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Kolumne Falk Jaeger

Wieder ein Aufreger in der Fachöffentlichkeit

Mit den Mitteln der Öffentlichkeit, mit Petitionen, Offenen Briefen etc. kann man tatsächlich etwas erreichen. Wir hatten über die Causa Pronold berichtet, über den Staatssekretär, dessen Ernennung zum Direktor der neu gegründeten Bauakademie Entrüstung und Protest hervorgerufen hatte, was sich in zahlreichen Artikeln und einem Offenen Brief niederschlug, den mehr als 600 Interessierte unterzeichneten (s. Kolumne vom 1. Februar 2020).

Falk Jaeger

Falk Jaeger (Foto: Henning Jaeger)

Mittlerweile hat Pronold den Rückzug angetreten. Auf seiner Website schrieb er am 10. März: „… habe ich die Stiftung deshalb gebeten, mich von meiner Bereitschaft, das Amt des Direktors auszuüben, zu entbinden“. (Kann man jemand von seiner Bereitschaft entbinden?) Er begründet dies freilich nicht mit den allgemeinen Vorbehalten gegen seine Person, sondern mit der noch drei Monate währenden Wartezeit, die das Karenzgremium der Bundesregierung ihm nach seinem Ausscheiden als zuständiger Staatsekretär auferlegt habe. So lange wolle er den Aufbau der Bundesstiftung nicht verzögern. In Corona-Zeiten ist das natürlich Unsinn. Zudem werden Neuausschreibung und Neubesetzung weit mehr als drei Monate in Anspruch nehmen. Den vornehmen Rückzug beherrscht er auch nicht, denn er hört nicht auf nachtzutreten und geht nach wie vor juristisch gegen die Journalisten von frei04 vor, die den Offenen Brief verbreitet hatten.
Erfreulich ist, dass sich die Fachwelt mit ihren Bedenken gegenüber der Politik durchsetzen konnte, negativ die sich nun fortschreibende Hängepartie und ein verlorenes Jahr.

Außenansicht der Oper Frankfurt

Außenansicht der Oper Frankfurt (© Wolfgang Runkel)

Nun gibt es einen neuen Aufreger mit einer von bislang 4034 Unterzeichnern getragenen Petition, die sich gegen Abrisspläne in Frankfurt richtet (https://tinyurl.com/rqpfbxm). Es geht um die sanierungsbedürftige Doppelanlage Oper und Schauspielhaus von 1963. Eine Machbarkeitsstudie des Hamburger Architekturbüros PFP Jörg Friedrich hatte eine (endlich einmal) ungeschönte Kostenschätzungen in damals unfassbarer Höhe von über 800 Millionen ergeben. Nach eigenen Untersuchungen mit ähnlichem Ergebnis beschloss der Stadtrat Ende Januar, von der Sanierung für 918 Millionen abzusehen und für 874 Millionen zwei Neubauten zu errichten. Nun geht der Streit darum, ob ein Neubau am alten Standort und ein zweiter in zentraler Innenstadtlage erfolgen soll, oder ob beide Bühnen am Osthafen nahe der EZB gebaut werden. Letzteres hätte den Vorzug, dass das Bestandsgrundstück im Bankenviertel äußerst lukrativ vermarktet werden könnte.

v.l.n.r. Matthew Swensen (Alberto), Mikołaj Trąbka (Filippo) und Elizabeth Sutphen (Lisetta)

v.l.n.r. Matthew Swensen (Alberto), Mikołaj Trąbka (Filippo) und Elizabeth Sutphen (Lisetta) (Foto: Barbara Aumüller, Oper Frankfurt)

„Der Theaterbau hat in Frankfurt Stadtgeschichte geschrieben und Identität gestiftet. Er war über Jahrzehnte einer der prägenden Orte des kulturellen Lebens der Stadt“, heißt es in der Petition. Es zeuge von „Geschichtsvergessenheit“, dieses „Symbol für ein neues, auf demokratische Teilhabe ausgerichtetes gesellschaftliches Selbstverständnis Westdeutschlands nach 1945“ abzureißen.
Die Petition richtet sich auch gegen die überzogenen Ansprüche, die die Kosten in die Höhe treiben. Die vom Bauherrn in der Konzeptionsphase befragte Intendanz neigt natürlich dazu, lange Wunschlisten aufzustellen, nach dem Motto, wenn man schon neu baut, dann bitte ideale Arbeitsbedingungen und alle wünschbare Technik vom Feinsten. Wenn diese Ansprüche an Bühnentechnik, Licht und Akustikspielereien kritiklos ins Pflichtenheft geschrieben werden, führt das zu hypermodernen und kaum mehr bezahl- und beherrschbaren Kulturmaschinen. Dabei ist es allbekannt: Perfektion töte die Fantasie. Kreatives Theater braucht das nicht. „Das Gutachten erschöpfte sich aber weitgehend in bautechnischen Analysen. Eine konzeptuelle Debatte, welche Art von Theater für die Zukunft in Frankfurt angestrebt ist, gab es so gut wie nicht“, beklagt die Petition.
Spät, aber nicht zu spät wird nun wohl die bislang von den Stadtoberen sorgsam vermiedene Grundsatzdebatte anbrechen, wie es scheint, mit gänzlich offenem Ausgang.

Hilfreich ist ein mit der Corona-Krise begründetes Moratorium: Die Investition stehe erst einmal nicht an. Zuerst müsse die Stadt wieder auf die Beine kommen, verkündete Oberbürgermeister Feldmann am 31.März 2020.

Leserkommentare

  1. Michael Guntersdorf | 3. April 2020

    Sehr geehrter Herr Prof. Falk, ich schätze Sie sehr, finde auch diese Kolumne angemessen nachdenklich. Leider haben von den 4034 Unterzeichnern der Petition bestenfalls eine Handvoll ausreichende Kenntnis des Sachverhaltes, wie bei solcherlei Petitionen üblich (die zahlreichen Fehler und Unterstellungen in dieser Petition sprechen für sich). Aber es geht nicht um Ausgewogenheit, Seriosität und Korrektheit. “Herr vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” möchte man ausrufen und es dabei bewenden lassen, wenn die Sache nicht so ernst wäre. Erschreckend auch die laute aber sinnleere Unterstellung der “Geschichtsvergessenheit” (klingt aber so bedeutungsschwanger…) oder das angemaßte Geschmacksmonopol – alleine diese Verbindung erfüllt mich schon mit Grausen.
    Da wir keine Basisdemokratie haben (ein Glück heutzutage – siehe diese Petition), muss und darf der gewählte Politiker entscheiden, gleich was vorlaute Stimmungsmacher fabulieren. Dafür ist er gewählt. Und er wird dabei nicht nur die Kultur, sondern auch die betroffenen 1.200 Angestellten der Bühnen im Auge haben müssen, die besser als jeder der selbsternannten Gralshüter wissen, was die Stunde schlägt – besser noch: geschlagen hat! Aber was spielt es denn heute noch für eine Rolle, ob stimmt, was ich behaupte. Heute gilt, frei nach Descartes: ich weiss alles besser, also bin ich…
    Drücken Sie mit mir die Daumen für eine gute Zukunft und eine Kulturlandschaft, deren Niveau weit über derartigen Petitionen liegt!

  2. Stefan Heinrich | 20. April 2020

    Den gleichen Skandal hatten wir in Köln auch schon: das Schauspielhaus von 1962, denkmalgeschützt (!), sollte ab 2010 durch einen Neubau ersetzt werden. Die Kölner Bürger haben sich mit einem Bürgerbegehren erfolgreich gewehrt, damals noch ganz analog per Unterschrift auf Papier, das Schaupielhaus wird seitdem renoviert. Übrigens zusammen mit der Oper, die direkt daneben steht.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schauspiel_K%C3%B6ln#Gegenwart
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/mut-zur-nachkriegsarchitektur.1013.de.html

  3. Stefan Heinrich | 20. April 2020

    der vollständige Link:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/mut-zur-nachkriegsarchitektur.1013.de.html?dram:article_id=170370

  4. Philipp Oswalt | 29. April 2020

    Lieber Herr Guntersdorf, anstatt die Qualifikation ihrer Kritiker, zu denen Architekten wie Claus Anderhalten, Inken Baller, Winfried Brenne, Albert Dietz, Jürgen Engel, Donatella Fioretti, Stefan Forster, Anett-Maud Joppien, Jochem Jourdan, José Gutierrez Marquez, Jorunn Ragnarsdottir, Florian Riegler, Tobias Wallisser und Günter Zamp Kelp gehören, zu bezweifeln, sollten Sie endlich Transparenz herstellen und die fachlichen Unterlagen öffentlich zugänglich machen. Bisland ist weder der Abschlussbericht der Planunsgteams noch der des Evaluieurngsteams veröffentlicht. Die Frankfurter Stadtverordneten hatten ohne Beratung im Fachausschuss keine 24 Stunden nach Einreichung des Beschlussantrags allein in Kenntnis einer wenig Tagen alten Presseinfo ihre Entscheidung getroffen. Unseriöser geht es wohl kaum. Warum scheuen Sie sich denn, Transparenz herzustellen?

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Datum 1. April 2020
Autor Falk Jaeger
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