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Bauen digital

„Wir sprechen von 5D/6D-Modellen bzw. von der iTWO-Unternehmenslösung und nicht von BIM“

Michael Woitag, CTO/COO RIB

Michael Woitag, CTO/COO RIB (Quelle: RIB)

Fragen an Michael Woitag, CTO/COO RIB rund um BIM + Digitalisierung

 

Herr Woitag, als iTWO hier in Berlin Premiere hatte, wurde es bewusst als 5D-Programm vorgestellt. BIM gab es damals auch schon, warum hat RIB auf BIM im Namen verzichtet?

Bauen ist nicht nur BIM sondern auch 5D, 6D und vieles mehr. Schauen Sie, iTWO ist die meist genutzte Bausoftware auf dem deutschen Markt. Der Markenname ist gut bekannt und besetzt. Durch die neue iTWO-Cloud-Plattform gewinnen unsere Kunden noch mehr an Funktionalitäten als bisher schon möglich war. Mit BIM hingegen verbindet man oft „nur“ Modelldaten, aber keinen klaren, deutlichen Begriff. BIM ist mittlerweile eher zu einer „Mode-Erscheinung“ geworden: Jeder versteht und definiert BIM anders, viele reden seit Jahren darüber, aber selten wird es richtig gemacht.

Wenn man sich die Begrifflichkeit von BIM noch einmal genauer anschaut, dann wird schon deutlich, warum wir auf die drei Buchstaben im Produktnamen verzichten. Viele sehen BIM als eine Methode der vernetzten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung mithilfe von Software und 3D-Modellen. Unsere iTWO-Unternehmenslösung ist ganz klar mehr als eine Arbeitsmethode. Wir von der RIB betrachten die Daten aus allen Blickwinkeln des Bauprozesses – BIM spielt eine zentrale Rolle in der Konstruktion und Kalkulation, versteht sich aber in unseren Augen noch nicht ausreichend als Teil der Ausführung und der Nutzungsphase. Bauen ist aber weit mehr als nur ein 3D-Modell.

Modellbasiertes Bauen in iTWO (5D)

Modellbasiertes Bauen in iTWO (5D) (Quelle: RIB/Shutterstock)

Mit unserer Software denken wir größer und weiter als BIM es macht. Wir stellen Kunden und Partnern unser Produkt als unternehmensweite Plattform zur Verfügung und betreiben diese in der MTWO-Cloud gemeinsam mit Microsoft. So ermöglichen wir ein völlig neues Arbeiten. Wir optimieren und standardisieren Prozesse in allen Bauphasen – Daten und Informationen sind rund um die Uhr verfügbar, nachvollziehbar und auswertbar. Wir vernetzen alle Baubeteiligten und unterstützen sie dabei, komplexe Bauprojekte termingerecht und kostensicher umzusetzen. Außerdem ist unsere iTWO-Unternehmenslösung mobil und deshalb auch praktisch. Unterstützt werden die Leute, die draußen arbeiten. BIM dagegen kommt im Büro zum Einsatz. Das Bauen findet aber nun mal auf der Baustelle statt – Daten werden dort von uns mobil bereitgestellt und Abläufe entsprechend verbessert.

BIM fehlt auch der „übergreifende Blick“. Die BIM-Welt dreht sich um das jeweilige Projekt und betrachtet selten projektübergreifend das große Ganze, was für viele Bauunternehmen aber elementar wichtig ist. Und genau das unterscheidet uns: Die iTWO-Plattform deckt von der Erstansprache eines Bauherrn über die Planung bis zum Betrieb und FM alles ab. Mit iTWO fm haben wir sogar 6D dabei.

 

„Richtig gemachtes BIM ist nachhaltig“, sagen Sie. Ist dies nur ein weiterer Werbeslogan oder steckt mehr dahinter?

Wir machen doch kein BIM sondern sprechen bei unserer Software von 5D und 6D! (lacht) Wie gesagt: Die iTWO-Unternehmenslösung ist unser „Zehnkämpfer“ und kommt nicht nur in einzelnen Disziplinen zum Einsatz, sondern deckt den kompletten Bauprozess beim Kunden ab.

Nachhaltigkeit hat für mich vier verschiedene Aspekte.

Mobile Verfügbarkeit aller Projektkennzahlen in iTWO

Mobile Verfügbarkeit aller Projektkennzahlen in iTWO (RIB/Shutterstock)

Informationen werden für alle bereitgestellt und transparent gemacht. RIB verbessert die Prozesse auf der Baustelle und das Bauen läuft so koordinierter ab – Anfahrten auf die Baustelle können reduziert werden. Weil unsere Software „auf der Baustelle im Handy ist“, wird weniger Pfusch am Bau betrieben. Heißt also, dass auch weniger wieder abgerissen oder neu gemacht werden muss. Es entsteht weniger Müll, Baumaterialien werden gespart – die CO2-Bilanz verbessert sich. Aus ökologischer Sicht definitiv nachhaltig!

Die iTWO-Unternehmenslösung bringt auch wirtschaftlich nachhaltige Verbesserungen mit sich: Eine gute Bauphase lässt einen effizienter bauen und die Baustelle besser abschließen – Strafzahlungen können verhindert, Mehrkosten durchgesetzt und das Gebäude kann effizienter betrieben werden.

Nachhaltigkeit kann auch die Arbeitswelt betreffen. Die Menschen arbeiten mit Hilfe unserer Software effizienter und stressfreier, sie machen weniger Überstunden und haben weniger Nacharbeit. Statt bis Ultimo im Baucontainer zu sitzen, um den Tag mit Papier nachzuarbeiten, haben sie mehr Zeit für Wichtigeres – also auch die Work Life Balance wird nachhaltig positiv beeinflusst.

Nachhaltig ist für mich auch, dass die Nachunternehmer, die für die unterschiedlichen Gewerke tätig sind, fairer und schneller bezahlt werden – wer gute Leistung erbringt, bekommt gutes Geld. Die Leute liefern ihre Arbeit zum vereinbarten Termin ab und bekommen das Geld wie sie es geplant haben. Gerade für kleinere Nachunternehmer ist dies überlebenswichtig …

 

Was wird sich mit den 87,64 % Anteil von Schneider Electric an RIB in Ihrem Hause ändern?

RIB & Schneider Electric – Running together!

RIB & Schneider Electric – Running together! (Quelle: RIB/Shutterstock)

Ab sofort bieten wir unseren Mitarbeitern Französisch-Kurse als Pflichtveranstaltung an. (lacht) Nein im Ernst, die Schneider Electric Gruppe wird in diesem Jahr trotz der COVID-19-Pandemie 5 – 10 Mrd. € in IT-Unternehmen im Bauwesen investieren und ist damit auf dem Weg, zum führenden Bautechnologieunternehmen der Welt im Bereich Digitalisierung und Elektrifizierung aufzusteigen. Mit über 3 Mrd. € Gewinn vor Steuern und 500.000 Kunden ist Schneider Electric ein globales Schwergewicht.

Das Unternehmen wird unserer kombinierten iTWO SaaS und MTWO IaaS Cloud-Plattform Türen zu Schlüsselkunden in über 50 Ländern öffnen. Ziel ist es, mittelfristig über 2 Mio. User für unsere Cloud-Plattform zu gewinnen. Mit einer langfristig orientierten Aktionärsstruktur (Schneider 87 % / Tom Wolf und Management 10 % / Kleinaktionäre 3 %) sind wir natürlich jetzt ein noch berechenbarerer Partner für unsere Kunden. Das Management wird RIB als selbständiges börsennotiertes Unternehmen unter Leitung unseres Chairman und CEO Tom Wolf wie bisher weiterführen.

 

Sie betonen beim Thema KI das Wort „künstlich“ mehr als das Wort „Intelligenz“, halten aber 50 % der Ingenieursarbeit für durch KI ersetzbar. Ist Ingenieursarbeit also künstlich?

Mobile Baustelle mit iTWO

Mobile Baustelle mit iTWO (Quelle: RIB/Shutterstock)

Ja, künstlich in dem Sinne, dass die Ingenieursarbeit technisch unterstützt und geprägt ist. Die Ingenieursarbeit wird seit geraumer Zeit mit Hilfe von CAD-Software, 3D/5D-Modellen und anderen digitalen Systemen nachgebildet. Diese technischen Hilfsmittel nutzen das Wissen und die Erfahrungen der letzten 500 Jahre im Bauen. So wurden Regeln und Vorschriften bei der Umsetzung von Bauprojekten immer weiter geformt und später als Norm definiert. „Technische unterstützte Intelligenz“ ist zum Alltag geworden: Kein Ingenieur käme heute noch auf die Idee ein Großprojekt mit einem Reißbrett zu zeichnen oder nur mit Bleistift und Papier die Statik eines Gebäudes auszurechnen. Digitale Prozesse und technische Hilfsmittel führen dazu, dass die Arbeit des Ingenieurs immens beschleunigt wird – was heute nur noch Minuten dauert, hat früher dem Ingenieur mehrere Tage gekostet.

Künstliche Intelligenz beginnt bereits bei den ersten Arbeitsschritten des Ingenieurs, zum Beispiel beim Modellieren und Simulieren des Baufortschrittes. Im Büro versucht man so genau wie möglich zu planen und Abweichungen bestmöglich vorherzusehen. Der Alltag auf der Baustelle sieht allerdings anders aus. Auch heute lassen sich viele Abläufe in der Bauausführung noch schwieriger automatisieren und digitalisieren. Bereits bei Baubeginn kann es zu Situationen kommen, die die ursprüngliche Planung komplett über den Haufen werfen.

Hinzu kommt die Komponente Mensch mit seinen individuellen Schwächen und Fehlern. Der bauleitende Ingenieur muss mögliche Probleme und Ausführungsfehler seiner Gewerke erkennen und sofort darauf reagieren. Maschinen können hier nicht ansatzweise die gleichen Ergebnisse erzielen wie der Mensch. Unsere vielen verschiedenen Facetten – wie zum Beispiel Kreativität, Fingerspitzengefühl und Erfahrung oder eben die Fähigkeit sich neuen Situationen anzupassen – unterscheiden uns von Maschinen. Auch die non-verbale Kommunikation ist auf der Baustelle ein wichtiger Punkt. Ein guter bauleitender Ingenieur kennt seine Leute und kann in bestimmten Situationen entsprechend eingreifen, noch bevor KI über verknüpfte Daten reagieren kann…

Verknüpfte Daten repräsentieren die Erfahrungen der letzten Jahre aber auch aktueller Baustellen. In diesen Daten kann KI wichtige Informationen und Effekte erkennen und auf zukünftige Entwicklungen des Baufortschrittes prognostizieren. Dass der Mensch beim Bauen allerdings komplett ersetzt wird, gibt es nur ist in Science-Fiction-Filmen. Der Beruf des Redakteurs ist durch KI wahrscheinlich stärker in Gefahr als der des Ingenieurs … (lacht).

 

Verknüpfte Daten sind noch wertvoller als Daten, die in keinem Zusammenhang mit anderen Informationen stehen. Welche Rolle spielt Cyber-Security bei der RIB und welche Bedeutung räumen Sie dem Thema generell ein?

Cyber Security als oberstes Vorstandsthema der RIB

Cyber Security als oberstes Vorstandsthema der RIB (Quelle: Shutterstock)

Bei uns ist das Thema Cyber Security oberstes Vorstandsthema und wird direkt von mir als CTO/COO der RIB-Gruppe verantwortet. Die Daten- und Informationssicherheit ist für uns ein zentraler Kern aller Entwicklungsprozesse. Wir investieren eine beträchtliche Summe in diesem Bereich, was im allgemeinen Bausoftware-Markt schon heraussticht. Derartige Strukturen sind sonst eher zum Beispiel im Finanzsektor typisch.

Wir setzen auf umfassende Maßnahmen in den Bereichen Anwendungssicherheit, Informationssicherheit, Netzwerksicherheit, Disaster Recovery, Business Continuity Management und Mitarbeiter Awareness Trainings sowie auf sichere Vorgehensweisen im Tagesgeschäft. Um hier etwas konkreter zu werden: Wir hosten beispielsweise unsere Anwendungen nur in Hochverfügbarkeitsrechenzentren. Genau deshalb arbeiten wir mit Microsoft zusammen. So bieten wir mit unserer iTWO-Plattform in der MTWO-Cloud eine sehr gute Möglichkeit, Informationen an allen Orten verfügbar zu machen und achten dabei auf die Integrität und Vertraulichkeit der Informationen. Dies wird zusätzlich durch regelmäßig durchgeführte Audits überprüft.

Sichere Verfügbarkeit aller Daten

Sichere Verfügbarkeit aller Daten (Quelle: Shutterstock)

Bereits in der Entwicklung unserer Produkte achten wir auf höchste Sicherheitsstandards, Best Practice sowie internationale Normen. Unser Leitspruch heißt hier klar „Security by Design“. Wir versuchen – noch bevor der Kunde die Software erhält – mit Hilfe von Penetrationstests, Stresstests und Co. Gefahrenquellen auszuschließen. Wir prüfen nicht nur unsere Software mit Hilfe von Penetrationstests, sondern lassen diese Tests auch im Netzwerk laufen, um Schwachstellen oder Fehler aufzudecken.

Wir überprüfen uns jeden Tag aufs Neue und passen unser Vorgehen entsprechend an, um mögliche Sicherheitslücken rechtzeitig zu erkennen und zu schließen. Die Sicherheit unserer Daten und die unserer Kunden steht an oberster Stelle – ohne dabei die Bedienerfreundlichkeit aus den Augen zu verlieren. Unser oberstes Anliegen ist es, das Produkt sicher an den Kunden zu übergeben. Dies schließt auch die Awareness mit ein, heißt also, unsere Mitarbeiter werden in Sachen IT-Sicherheit und Datenschutz regelmäßig geschult, um aktuelle Gefahren zu erkennen und das Bewusstsein für dieses Thema weiter zu stärken.

 

Würden Sie als Vertreter eines der großen Bausoftware-Häuser eine Programmvielfalt etwa auch im Sinne größerer Datensicherheit durch geringere Nachvollziehbarkeit begrüßen?

Sichere und hohe Verfügbarkeit aller Projektinformationen

Sichere und hohe Verfügbarkeit aller Projektinformationen (Quelle: Shuttertock)

Wenn Sie wissen wollen, ob ich eine Programmvielfalt gegen Transparenz und Datensicherheit eintauschen würde, dann sage ich Ihnen dazu ganz klar NEIN.

Nachvollziehbarkeit, Transparenz und Rechenschaftspflicht fordern klare Prozesse und Richtlinien darüber, welche Daten wo liegen und vom wem sie verwendet wurden. Zudem stellen die drei Begriffe eine zentrale Forderung der DSGVO und sicherheitsrelevanter Bauprojekte dar. Eine einzelne Anwendung kann diese Anforderungen definitiv besser gewährleisten. Wenn mehrere Tools zum Einsatz kommen, ist das Chaos vorprogrammiert. Sind Projektdaten in vielen Anwendungen verteilt und eventuell in verschiedensten Unternehmensbereichen oder Standorten verstreut, ist die Nachvollziehbarkeit schwer bis unmöglich. In welchem Format und mit welcher Software Daten und Informationen ausgetauscht werden, ergibt sich häufig erst im Projekt und oft auch ohne Rücksicht auf relevante Sicherheitsaspekte. Ich denke, dass zum Beispiel auch die Nutzung bekannter Messenger-Dienste einen erheblichen Compliance-Bruch verursachen kann. Auch die Datenhaltung an sich ist mit einem Tool einfacher und viel schneller. Versuchen Sie zum Beispiel mal alle Daten in einer unübersichtlichen Anzahl von Systemen in einer adäquaten Zeit zu löschen – Sisyphus lässt grüßen.

Große Datensicherheit und Nachvollziehbarkeit entsteht für uns durch klare Rollen und Rechte, die in einer synchronisierten Prozesswelt zentral definiert und in jedem Projekt gleich gehandhabt werden. Denn eines ist für uns klar: Datensicherheit sollte auf keinen Fall die Aufgabe des Bauleiters sein.

 

Von ca. 2.700 Mitarbeitern arbeiten in Ihrem Haus mehr als 1.000 in Forschung und Entwicklung. Das ist nicht wenig – wollen Sie unseren Lesern den Hintergrund dazu erläutern?

RIB immer am Impuls der Zeit

RIB immer am Impuls der Zeit (Quelle: Shutterstock)

Nur wenn wir schnell sind, können wir den Anforderungen unserer Kunden gerecht werden und auf Veränderungen der Branche sofort reagieren. Um Trends zu setzen, braucht man besonders in der Entwicklung kluge Köpfe. Wir haben ein umfangreiches Produktportfolio für alle Anforderungen eines zukunftsdenkenden Unternehmens der Baubranche. Für diesen Anspruch an Innovation und integrierten Prozessen, benötigen wir eine schlagkräftige Entwicklungsmannschaft.

RIB setzt seit über 50 Jahren Trends in der Bauindustrie. Themen wie 5D sind bereits seit 2010 Teil unseres Produktes. Die Abbildung des gesamten Bauprozesses und Themen wie 6D sind Teil der neuen Produktgeneration. Zukunftsthemen wie KI, Big Data und IoT werden von uns maßgeblich getrieben. Möglich ist uns dieser Vorsprung dank unserer Technologie und den Mitarbeitern, die dahinter stehen – und das nicht nur in der Entwicklung, sondern in allen Unternehmensbereichen weltweit. Nur gemeinsam sind wir dem Markt voraus und innovativ, gemäß unserem Motto „Running together“.

 

Haben Sie vielen Dank für dieses Interview, Herr Woitag

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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