momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Interview

“Nur mithilfe der Digitalisierung und neuer Arbeitsabläufe bekommen wir die Komplexität moderner Bauvorhaben in den Griff.”

Thomas Fink (r.) und sein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender Frank Deinzer (l.)

Thomas Fink (r.) und sein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender Frank Deinzer (l.) (SOFiSTiK)

1.   1985 war es eine Sensation, dass Ingenieure mit Computern arbeiteten und Eingeweihte sahen darin gar eine Zukunft … Heute wird vereinzelt schon über das nachgedacht, was nach BIM kommt. Wie sehen Sie die Entwicklung im Rückblick und welche Stationen würden Sie hervorheben?

Nun, eine Sensation war es eigentlich nicht. Konrad Zuse hat ja schon 1941 den ersten Computer der Welt gebaut. Zuse war übrigens Bauingenieur … so wie wir. In den 60er und 70er Jahren fand die Finite-Element-Methode im Maschinenbau aber auch im Bauingenieurwesen langsam Verbreitung, damals allerdings auf Großrechnern oder allenfalls auf Rechnern der mittleren Datentechnik. Mit der Einführung des IBM Personal Computers und der raschen Verbreitung des Betriebssystems MS-DOS war die Zeit reif, dass auch kleinere und mittlere Ingenieurbüros von dieser Entwicklung profitieren konnten. Eine wahre Gründerwelle war die Folge. Von den unzähligen meist kleinen Entwicklerfirmen konnte sich SOFiSTiK als eine der wenigen bis heute behaupten.

Der nächste Meilenstein war das Programm AutoCAD von Autodesk. Wir erkannten das darin steckende Potential und schufen von 1987 an mit unserem Programm SOFiCAD einen quasi-Standard für Schal- und Bewehrungsplan-Erstellung auf AutoCAD im deutschsprachigen Raum. Danach verschwanden die Zeichenbretter sehr schnell aus den Büros; Mitte der 90er Jahre zeichnete man fast ausschließlich per CAD.

Seit 2009 bieten wir die Möglichkeit, mit dem Programm Revit ein dreidimensionales Bewehrungsmodell zu erstellen und daraus Pläne und Stahllisten abzuleiten. Seither vernetzen wir – stets auf Basis von Revit – die Prozessschritte Berechnen, Bemessen und Konstruieren immer weiter. Der Markt versteht inzwischen auch immer besser, welche Vorteile er daraus ziehen kann.

 

1982 begannen die Gründer mit der Entwicklung von FE Programmen auf Mikrocomputern mit dem Betriebssystem CP/M

1982 begannen die Gründer mit der Entwicklung von FE Programmen auf Mikrocomputern mit dem Betriebssystem CP/M (SOFiSTiK)

  1. Generationenwechsel sind kein Schuhwechsel. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet und was hat sich ab 29.11.19 verändert?

Ein Generationenübergang in einer bis dahin großenteils eigentümergeführten Firma birgt enormes Risiko. Darum haben die Gründer und der derzeitige Vorstand den Übergang lange vorbereitet. Bereits vor einigen Jahren gab es erste Ideen und Gespräche, und ein Übergabefahrplan wurde entwickelt. Es wurden mögliche Szenarien durchdacht und diskutiert. Wichtigstes Ziel bei diesen Überlegungen war, die SOFiSTiK als eigenständige und erfolgreiche Firma zu erhalten und damit auch weiterhin den Erfolg unserer Kunden, Partner, Mitarbeitern und Shareholder sicherzustellen. Dazu gehört auch die Entscheidung, in den Mensch und Maschine Konzern einzutreten (Mensch und Maschine hält seit dem 1. Januar 2019 51 % an der SOFiSTiK AG). Wir sind sicher, alles getan zu haben, dass der künftige Vorstand und die erweiterte Geschäftsleitung die Geschicke der SOFiSTiK AG positiv lenken werden.

 

  1. SOFiSTiK wird üblicherweise stark mit Tragwerksplanung assoziiert. Nun geht die Richtung für Ihr Haus sehr stark auf den Infrastrukturbau zu. Was ändert sich da und was kann gleichbleiben? – besonders im Hinblick auf BIM und Digitalisierung.

Es ist richtig, SOFiSTiK wird stark mit der Tragwerksplanung assoziiert – und die ist ja auch im Infrastrukturbau von zentraler Bedeutung. Denken Sie nur an Brücken und Tunnel. Gleichzeitig haben wir durch unsere SOFiCAD-Produktlinie auch große Kompetenz im Bereich Konstruktion und Bewehrung entwickelt: Mit dem AutoCAD-Aufsatz SOFiCAD lassen sich höchst effizient Schal-, Bewehrungs- und Absteckpläne für Projekte im Hoch-, Gewerbe- und Infrastrukturbau erstellen. Wir haben also unsere Kernkompetenz – die Berechnung und Bemessung – mit unserem Know-how aus der Konstruktion und Bewehrung verknüpft. Der BIM-Stufenplan des Verkehrsministeriums war für uns dabei geradezu eine Steilvorlage: Unsere BIM-Produktlinie basiert auf Autodesk Revit und deckt genau diese Themen ab.

Unser neuer SOFiSTiK Bridge Modeler macht BIM nun auch für die Infrastrukturplanung verfügbar, indem er die parametrische Modellierung von Brücken- bzw. Infrastrukturprojekten erleichtert. Wir haben hier auf unser bewährtes Know-how im Bereich Tragwerksplanung aus dem Brückenbau zurückgegriffen und dabei ausgereifte Eingabeverfahren wiederverwendet. Er ist damit bislang die einzige Revit-Applikation mit diesen Möglichkeiten. Kurz: Infrastruktur ist für uns nichts Neues; wir haben stattdessen dafür gesorgt, dass die Nutzer dieses wichtige Thema jetzt auch mit der BIM-Methode bearbeiten können.

 

  1. Wie sehen Sie das Thema offene Schnittstellen, und welche Bedeutung kommt ihm in der2020er SOFiSTiK-Version zu? Und: Ist IFC ein Austauschformat und wenn nein, warum nicht

Offene Schnittstellen sind wichtig, damit Daten überhaupt zwischen verschiedenen Systemen ausgetauscht werden können. Allerdings führen Schnittstellen immer zu Informationsverlust. So geht bei der Übertragung über die IFC-Schnittstelle z. B. die komplette Parametrik verloren. IFC ist unserer Meinung nach nur bedingt als Austauschformat geeignet, wenn der Empfänger weiter an diesem Modell arbeiten möchte. IFC-Inhalte können aber perfekt für die Koordination, Referenzierung und Archivierung von Modellen verwendet werden. Die IFC-Schnittstelle bietet weiterhin unterschiedliche Sichtweisen auf ein Modell, die sog. Views: Interessiert uns die Geometrie, ist i. d. R. der Coordination View die richtige Wahl. Für analytische Informationen, die für Berechnungs- oder Simulationssoftware von Interesse sind, muss auf den sog. Analytical View zurückgegriffen werden. Bei der Entwicklung von SOFiSTiK 2020 haben wir großen Wert auf offene Austauschformate gelegt. So ist der IFC-Import und -Export kostenfreier Bestandteil der neuesten SOFiSTiK-Version. Neben dem Analytischen Modell (IFC Structural Analysis View) ist es nun auch möglich, Volumenmodelle mit Materialinformationen im weit verbreiteten IFC2x3 Coordination View Format oder im neuen IFC 4 Reference View Format zu exportieren. Dieser Workflow kann z. B. verwendet werden, um Überhöhungsinformationen digital an Hersteller/Baufirmen übermitteln zu können.

 

  1. Wie würden Sie das Verhältnis von Architekten und Ingenieuren zu BIM und der Digitalisierung im Vergleich beschreiben?

Eine schwierige Frage! Es gibt Architekten, die bereits sehr früh auf den Zug aufgesprungen sind und in der Digitalisierung auch einen Ausweg aus ihrem derzeitigen Dilemma (alles schneller und dafür weniger verbindlich) sehen, und es gibt andere, die krampfhaft an alten Prozessen festhalten. Das ist bei den Ingenieuren nicht viel anders.

 

  1. Wie stellt sich Ihnen ein Zukunftsszenario am Bau in Sachen wirklicher Nachhaltigkeit vor und was muss sich dafür ändern?

Der Begriff BIM wird ja ganz unterschiedlich interpretiert. Wir sehen das größte Potential nicht darin, dass man im 3D, 4D bzw. 5D arbeitet oder objektorientierte Datenbanken nutzen kann. Es geht vielmehr um eine bessere Zusammenarbeit über alle Planungsdisziplinen hinweg. Ändern muss sich weniger die verwendete Software, sondern die Art der Zusammenarbeit; man könnte das „Umparken im Kopf nennen“. Anders bekommen wir die zunehmende Komplexität unserer Aufgaben nicht mehr in den Griff. BIM als Arbeitsmethode bietet sehr gute Voraussetzungen fürs „Umparken“. Zum einen treten dabei mangelhafte Kommunikation und zeitlicher Verzug wesentlich deutlicher zutage. Zum anderen eröffnet BIM die Chance zu Änderungen des Verhaltens/Mindsets aller Beteiligten. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, miteinander zu arbeiten und zu planen statt gegeneinander. Ziel ist es am Ende, bessere Bauwerke mit weniger Nachträgen im geplanten Zeit- und Kostenrahmen erstellen zu können.

 

  1. Welche Bedeutung kommt der Digitalisierung des Bauwesens insgesamt aus Ihrer Sicht zu? Wie sehen Sie die Arbeitsweise von Ingenieuren und Architekten, wenn bei Ihnen der nächste Generationenwechsel ansteht?

Wie schon gesagt, werden wir die Komplexität moderner Bauvorhaben nur mit Hilfe der Digitalisierung nicht in den Griff bekommen. Volkswirtschaftlich betrachtet vermeiden Kommunikation und ein gemeinsames Datenmodell fast zwangsläufig Fehler. Mit den immer knapperen personellen Ressourcen können wir unsere Infrastruktur nur dann auf dem jetzigen Niveau aufrechterhalten, wenn wir unsere Arbeitsweise grundlegend verändern. Auch für eine Energiewende muss gebaut werden. Der neue Vorstand hat sich auf seine Aufgabe gut vorbereitet und stellt sich mit Freude auf fortlaufende Veränderungen ein. Beim nächsten Generationswechsel der SOFiSTiK wird sicher vieles als normal angesehen, worüber wir heute staunen.

 

Herr Deinzer, Herr Fink, haben Sie Dank für dieses Interview.

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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Datum 11. Dezember 2019
Autor Burkhard Talebitari
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