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Rezension

Wirtlichkeit der Stadt – Zu einer Fiktion Gunther Wawriks

Gunther Wawrik, Die Bergstadt – Eine Fiktion, Hrsg. Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und Claudia Mazanek, Park Books, Zürich ISBN: 978-3-03860-206-4

Gunther Wawrik, Die Bergstadt – Eine Fiktion, Hrsg. Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und Claudia Mazanek, Park Books, Zürich ISBN: 978-3-03860-206-4 (Cover: Park Books)

Anstiftung zum Unfrieden – so lautet der Untertitel zu dem einst wichtigen bis notorischen Werk Alexander Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit der Städte“. Einst war es wichtig, heute noch ungleich relevanter. Gunther Wawriks bei diachron, Graz und Park Books, Zürich unlängst erschienenes Buch „Die Bergstadt“ hat den Untertitel „Eine Fiktion“. Weniger relevant ist es in Sachen Stadtplanung keinesfalls. Und es ist gewiss auch keine Anstiftung zu faulem urbanen Frieden. Vielmehr kommt einem Mitscherlichs „Unwirtlichkeit“ fast unumgänglich in den Sinn, wenn man der „Wirtlichkeit“ nachsinnt, die Wawriks Fiktion für eine jede künftige Stadt, für jedes jemals noch zu bauende Stadtquartier entwirft und erzählt. Erzählen aber kann nie an mangelnder Relevanz kranken.

Erzählend spazieren wir durch unsere Geschichte(n) und man ist kaum verwundert, dass einem als eine der wenigen Referenzen in dem erzählenden Buche schon auf Seite 15 Lucius Burkhardt begegnet, der Schweizer Soziologe und Erfinder der Wissenschaft der „Promenadologie“. Burkhardt ging mit seinen Studenten spazieren und ließ sie dann das von ihnen Gesehene und Wahrgenommene erzählen – mit, wie sich denken lässt, recht disparaten Ergebnissen. Von dieser Beobachtung ist es nicht weit bis zur Fiktion, einem Abstraktum zu lat. „fingere“, für „formen, gestalten“, das das Deutsche erst seit dem 17. Jh. kennt. (Kluge, Etymologisches Wörterbuch, Bln / N.Y. 1995)

Der Kopf

Der Kopf (Archiv von Gunther Wawrik)

Und was der in Salzburg 1930 geborene Architekt und Professor für Entwerfen, Baukonstruktion und Städtebau an der FH München in der „Bergstadt“ erzählend formt und gestaltet, krankt grade nicht an wissenschaftlich Normativem oder marktbewusst Effizientem, das die investitionsarchitektonische Unwirtlichkeit unserer Städte nicht erst seit Mitscherlich gebiert. Zu sagen, Wawriks Buch lasse demgegenüber als Fiktion Raum für Phantasie, würde dem dichten Text und seinem kongenial eingezogenen verbalen wie gedanklichen Tragwerk nicht nur nicht gerecht, es verharmloste ihn eklatant.

Die Stadtterasse

Die Stadtterasse (Archiv von Gunther Wawrik)

Fiktion, nicht Utopie

Der Text hebt an mit „Salzburger Berggeschichten“, etwa 340.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. „Der Sommer ist heiß und unter einem tiefblauen Himmel liegt glitzernd“ ein See des Salzburger Beckens, der „in der erdgeschichtlich einem Wimpernschlag gleichenden Zeit von fünfzehntausend Jahren“ entstand, „als in dieser kurzen Warmzeit die Gletscher abschmolzen“ und den paradiesischen See von zwei Dritteln des Bodensees entstehen ließen.  Geschichte als Utopie, als ou-topos – kein Ort mehr dafür, und doch noch heute existent. Das ist kein relativierendes Klimakatastrophen-Aha-Erlebnis, sondern stimmt den Leser in die Fiktion ein, nicht die Utopie. Für den Autor ist die Fiktion „ein gedankliches Vehikel, mit dem man veränderte Welten darstellen kann, ohne sie real zu verändern, ja sogar ohne sie auf eine bestimmte Art und Weise ändern zu wollen.“ (Nachwort, S. 86) Im Unterschied zur Utopie, so Wawrik, müsse die Fiktion nicht die Hoffnung nähren, dass die Welt oder Teile davon einmal so sein werden, wie sie Utopie oder Fiktion darstellen. Ihre vorzügliche Aufgabe ist es Wünsche zu wecken.“ (ebd.) Die Bergstadt, so die

Die Stadtterasse

Die Stadtterasse (Archiv von Gunther Wawrik)

Autorinnen des Nachworts, reibe sich also nicht an der Wirklichkeit, sondern ermögliche ein unbeschwertes Nachdenken über das System Stadt und dessen Beziehung zur Landschaft.

Nicht bloßer Zeitgeist-Unterschied

Das markiert en passant die entscheidende Differenz zwischen Wünsche generierender Wirtlichkeit bei Wawrik sowie Mitscherlichs sich an der Wirklichkeit stupend reibenden Unwirtlichkeit der Städte und ist doch nicht bloß Zeitgeist-Unterschied. Wobei in die denkerische Falle wohl geriete, wer entscheiden wollte, welcher Ansatz für alle Stadtplanung letztlich produktiver sei. Zu überhören ist dabei ja auch nicht, dass und wie die Nachwort-Autorinnen von Stadt als jenem „System“ künden, das Wawriks Ansatz geradezu systematisch unterläuft, wiewohl er das Wort wiederholt und nicht immer leicht nachsehbar selber benutzt.

Wusste ein Walter Benjamin noch, dass die Kunst, sich in Städten zurechtzufinden geringer zu veranschlagen sei, als die, sich in ihnen zu verlaufen, verweist auch das darauf, dass der Städte Unwirtlichkeit nicht zuletzt auf ihr System-Sein verweist.

Schichten des Berggeschichte

Hoch zu halten und gar nicht zu überschätzen ist aber der Umstand, das Wawrik in seiner Unterscheidung von Fiktion und Utopie seiner „Bergstadt“ jenes sich dem Topos in so vielsagendem Bild- wie knappem Wortwerk widmendes Kapitel der „Salzburger Berggeschichten“ voranstellt, die nicht zuletzt die Geschichte als das „Geschichte“ umspielen, dem sich alles Stadtplanen gegenüber dem Topos zu stellen hat. Das Kapitel tut das nicht zuletzt auch komplett frei von aller Bergweltromantik. Es thematisiert intensiv die Gefahren der Bergwelt und geht auf die ökologischen Katastrophen durch den Autobahnbau ein. Es deutet dezent sogar noch die Landschaft zerstörenden Auswirkungen desselben an, die ab 1938 durch den – bemerkenswerterweise die Einheit von Ökologie und Technik einfordernden – Autobahningenieur (und zwischen 1935 und ’45 von Fritz Todt zum Referenten für Gestaltungsaufgaben in die Generalinspektion für das deutsche Straßenwesen in Berlin berufenen … ( vgl. www.dewiki.de)) Hans Lorenz und seinen Klothoiden-Verlauf ergeben. Auch hat das knappe Kapitel noch Platz für die nur prima vista willkürlich erscheinende Geschichte des Waldarbeiters Bernhofer, der zu seiner angestammten Holzhütte nach zirka zwei Jahren nie mehr zurückkehrte, ohne das jemand wusste warum – da wurde jemandem der Topos zum ou-topos …

Foto und Zeichnung, Zeichnung und Foto wechseln sich im Buch in einigermaßen bunter Reihenfolge ab. Die Texte dazu sind kurz und durchweg prägnant bis zur Knappheit. Dem ersten, lauschigen Mischwald schwarz-weiß abbildenden, Foto des Hauptteils ist der Satz eingeschrieben: „So wie man über das Meer zu einer Insel kommt, so kommt man durch den Wald zur Bergstadt.“ Zuvor legt eine Zeichnung dar, wie der Wald „integrierender Bestandteil der Stadt am Berg“ ist, wodurch die Stadt sich einen „unveränderlichen Rahmen gibt“ – und nicht ihre letzten Häuser erfolgreich die Ebene zersiedeln, liest das gedankliche Auge mit. Das Inselhafte der Stadt wird an verschiedener Stelle vom Autor so betont, als wolle er auf die Stadt als jenes Refugium verweisen, dessen Luft einst frei machte und vor den Gefahren der großen Ebene schützte. Wenn das Straßennetz der Insel-Bergstadt als „ein System zweier (quasi-)spiralförmiger Straßen entwickelt“ (S. 38) wird, stolpert man auch hier über den Begriff „System“, der aber sofort wieder dadurch relativiert wird, dass dieses Gesetzmäßigkeiten des Geländes folgt, indem beide „spiralförmig verlaufenden Tangentialstraßen … topographiebedingt unterschiedliche Abstände voneinander“ (S. 39) haben – und so gehen die städtebaulichen Fiktionen auf reich bebilderten, knapp betexteten Seiten bis zur lediglich 83. weiter.

Entlang der Radialstraßen

Entlang der Radialstraßen (Archiv von Gunther Wawrik)

Leerraum

Gesondert hervorzuheben wäre in dieser Stadt(planungs)erzählung nicht zuletzt und aus aktuellem Anlass der Eröffnung des Berliner Humboldt-Forums, dass sich im Zentrum der Bergstadt ein leerer Raum findet. „Im Inneren des riesigen Volumens der Stadtterasse“, heißt es da, „das wie ein kommunizierendes Gefäß und wie eine ständige, nie aufhörende Baustelle innerhalb eines kräftigen Geflechts von Balken, Decken und Stützen funktioniert,“ stehe „zu jeder Zeit ein leerer Raum für die notwendigen Veränderungen und Erweiterungen zur Verfügung. Dieser Raum bedeutet Anspruch, Reichtum und Ansehen.“ (S. 74) Etwas – und nur an dieser Stelle – gleitet der Text dann ins urban Betuliche bis Edelkitschige ab, wenn man „beim Klang der Äolsharfen“ die überall in der Stadt aufgestellt seien, „dann der untergehenden Sonne entgegen blinzelnd auf der Stadtterrasse in aller Ruhe einen Campari schlürfen“ könne. (ebd.) Wohlwollendere Lektüre wertete dies eventuell als Beschwörung jener Mußestunden, die der Text wie die durch ihn inspirierte Aufgabe der Stadtplanung (in des Wortes „Aufgabe“ beiderlei Bedeutung) unabdingbar machen – wie einst die Stadtluft, macht die Atmosphäre der Fiktion – in Muße … – frei.

Methodisches Hilfsmittel

Hat die Fiktion schließlich doch nicht nur ihre literarischen – gemäß überkommener Schemata: „geisteswissenschaftlichen“ Implikationen. Sie ist auch „in der Wissenschaft als methodisches Hilfsmittel eine bewusst widerspruchsvolle oder falsche Annahme, die nichtsdestoweniger zu einem richtigen Ergebnis, zur Bewältigung einer sonst unlösbaren Aufgabe oder zur Erreichung eines praktischen Zwecks führen kann, wenn der Fehler in das Ergebnis nicht oder nicht nennenswert eingeht.“ Hofmeisters Wörterbuch der philosophischen Begriffe (Hamburg 1955) verweist darauf, dass derlei Annahmen von „Hypothesen, denen ein Wahrscheinlichkeitsgehalt zugeschrieben wird“ zu unterscheiden sei. Wichtig in Hofmeisters Artikel zur „Fiktion“ ist für unseren Zusammenhang noch, dass „was für den einen eine Fiktion ist, von einem anderen Standpunkt aus“ keine zu sein braucht. So seien etwa elektromagnetische Wellen für die Anhänger der Ätherhypothese wirklich Wellen, die Relativitätstheorie jedoch verweise sie ob Schwierigkeiten quantentheoretischer Art in den Bereich der Fiktion.

Solch Dichotomien möchten trefflich auf die Art und Weise deuten, wie Wawriks Buch zu lesen wäre – bald anders, romantisch gesprochen, für einen jeden Leser und eben darin jenes Kraftwerk der Phantasie freisetzend und befeuernd, das der konkreten gestalterischen Arbeit, der Suche nach Lösungen, die nur als Lösungen keine sind, Vorschub gewährt. „Ist“ fragt das genau genommen so wenig notwendige wie verständige Nachwort von Eva Guttmann und Gabriele Kaiser, „die Bergstadt also ein Entwurf, der sich in der Fiktionalität vor der Verwirklichung schützt, der kein Zukunftsprojekt für einen bestimmten Ort sein will, kein utopischen Stadt-Modell, das ein besseres Leben verspricht?“

Alles Mögliche, das überhaupt nicht geht

Keine Anstiftung zum Unfrieden, wie desiderabel immer sie heute wäre, sondern Ermunterung zum Wünschen und Träumen – ein Schalk, wer das weniger politisch hieße oder gar die gute alte Kategorie der Relevanz in Abrede stellte.

„Der Wawrik“ so der Wiener Architekt Hermann Czech, „denkt über alles Mögliche nach, das überhaupt nicht geht.“ Das aber ist kein Vorwurf, verweist eher auf die Kategorie des Entwurfs. Ihr liegt textile Metaphorik zugrunde. „Entwerfen“ kennt deutsche Zunge seit runden 1200 Jahren, Zunächst in eigentlicher Bedeutung als „hinwerfen“, sodann als Fachterminus der Weberei, ausgehend von „werfen“ als „drehen“, was das richtige Ordnen der einzelnen Fäden zu einem Faden betrifft. (vgl. Kluge, s. o) – Gewebe: in diesem Terminus, der eben keine Grenze und keinen Endpunkt markiert, kommen Fiktion, Text und Textur der Stadt(planung) überein. Eine Übereinkunft in Sprachlichkeit, alles Mögliche bedenkend, das (überhaupt nicht) geht. In „Zwischen Bricoalge und Instrument“ so die Autorinnen des Nachworts (S. 87) nennt Wawrik einige Voraussetzungen für den echten Bastler: „Nicht grundsätzlich zielgerichtetes Denken / das Ziel zeigt sich erst im Verlauf der Tätigkeit oder verändert sich während dieser / intuitives Denken und intuitive Begabung: wie füge ich zu welchem Vorhandenen welches Neue hinzu? / respektvolle, gleichwohl fragende Haltung dem Vorhandenen gegenüber, was dessen prophetischen Charakter betrifft.“ – „Nicht alles lässt sich fragen, es ist wichtiger, zur Frage vorzudringen, als eine Antwort auf sie zu erhalten“, schreibt der israelische Philosoph und Dichter Elazar Benyoëtz.

Weisheit der Fiktion

Befleißigte sich der Verfasser dieser Zeilen jener letztgenannten Haltung dem vorhandenen Text gegenüber, wäre hervorzuheben, wie Text u. a. mehr Text hat als auch nur mit einem Leser. Das ist sein qua Text prophetischer Charakter. Es dürfte sich dabei freilich um die Weisheit der Fiktion handeln – wenn das Wünschen eben doch noch hilft.

Wem hier Fragezeichen vor Augen schimmern, mache – ohne Antworten auf sie zu erhalten … – den Selbstversuch einer Lektüre von Mitscherlichs „Unwirtlichkeit unserer Städte“ und Wawriks „Bergstadt“ hintereinander und bemerke zum Wenigsten, wie sich beide Werke einander trefflich bis zaubrisch befruchten.

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