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Kolumne Falk Jaeger

Wo bleibt die Qualitätsoffensive?

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Was macht innerstädtische Wohngebiete lebendig? Die Frage kann jeder Stadtbewohner mit einem Wort beantworten: Urbanität. Was gehört dazu?

  • Eine gewisse Dichte, die intensives Zusammenleben fördert.
  • Verkehrsberuhigung, Verkehrsentflechtung, funktionierendes Management des ruhenden Verkehrs, die den öffentlichen Raum nutz- und erlebbar machen.
  • Architektur, die nicht autistisch objektbezogen, sondern stadtgestalterisch raumbildend konzipiert ist und dadurch interessante Stadträume schafft.
  • Nutzungsmischung, die dafür sorgt, dass wohnungsnahe Arbeitsplätze bereitstehen und auf diese Weise Verkehr vermeidet.
  • Unterschiedliche Wohnungszuschnitte und flexible Grundrisse, die verschiedenen Lebensformen, Lebenszuschnitten und Lebensabschnitten gerecht werden.
  • Wohnungsnahe soziale Angebote, von der Kita bis zum Altentreff, die die Menschen an ihren Kiez binden.
  • Grünanlagen, die bewusst für intensive Nutzung konzipiert sind.
  • Gewerblich oder öffentlich genutzte Erdgeschosse, die den Straßen beleben.
  • Dachflächen, die als Dachgärten aktiviert sind, Erholungswert bieten und Freizeitverkehr vermeiden.

In solcher Umgebung, in der Bewohner nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten und Freizeit verbringen können, herrscht rege innerstädtische Betriebsamkeit, weil die Menschen weniger Anlass sehen, das Quartier zu verlassen. So entstehen soziale Nähe, Verbundenheit mit dem eigenen Kiez und Heimatgefühl.

Wie sehen heute neue Wohnquartiere aus? Die meisten haben nichts dergleichen zu bieten. Die Wohnungsknappheit und der damit verbundene politische Druck sowie die Produktionsverhältnisse bedingen, dass besinnungslos Masse gebaut wird. „Bauen, bauen, bauen“, ist das Credo des Heimatministers zur Bewältigung der Wohnungskrise. Von Qualität redet niemand. Die Investoren lassen sich nicht lange bitten. Sie sind an rasch zu produzierender Massenware interessiert. Lebenswerte Stadtquartiere im oben angesprochenen Sinn bedingen sorgfältige, intensive Konzeption und Vorplanung. Die Behörden sind jedoch hoffnungslos überfordert und planen simple, schematische Quartiere. Die Auseinandersetzung mit vielen Einzelbauherren, Baugruppen, Genossenschaften, ist ihnen zu langwierig und aufwändig. so werden die Quartiere in zu große Baulose aufgeteilt, die von kapitalstarken Investoren mit schematischen, beziehungslosen Einzelobjekten vollgestellt werden.

Selbst große, kommunale Wohnungsbaugesellschaften sehen sich vorgeblich wegen des Kostendrucks gezwungen, monofunktionale Quartiere mit seriellen 08/15-Grundrissen in großen Einheiten zu entwickeln. Das Risiko, die Erdgeschosse durchgehend gewerblich oder öffentlich zu nutzen, gehen sie nicht ein. Und fragt man, warum die Dächer nicht begrünt und nutzbar sind, heißt es, das rechne sich nicht, das funktioniere nicht und das lasse sich nicht organisieren.

Nach den damals gut gemeinten „Grüne-Witwen-Vorstadtsiedlungen“ und den Schlafstädten und den monofunktionalen Großsiedlungen der sechziger und siebziger Jahre produzieren wir bundesweit – diesmal sehenden Auges – in großem Stil eine neue Generation von Wohnquartieren, mit deren Defiziten wir Jahrzehnte werden leben müssen.

Über die Stadt der Zukunft wird viel nachgedacht, publiziert, ausgestellt.

Es gibt auch zahlreiche gebaute Beispiele, doch es bleiben Einzelfälle. Wir wissen, wie es besser geht, doch die Politik versagt auf ganzer Linie, vom Teilzeitbauminister bis hinunter zu Genehmigungsbehörde. Einzig die Gesetz- und Verordnungsgebermaschinerie läuft gut geschmiert und produziert groteske Berge von hemmenden, kostentreibenden Vorschriften. Was wir brauchen, ist nicht nur ein Mietendeckel und Grundstücks- und Baukostendämpfungsinitiativen, um massenweise bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wir brauchen auch eine Qualitätsoffensive, damit diese neuen Quartiere keine peripheren „Vorstädte“ alten Schlags werden, sondern lebenswerte Innenstadtquartiere mit eigenem urbanem Charakter.

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Datum 1. August 2019
Autor Falk Jaeger
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