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Leben

Wo das Gras noch grüner ist – Gedanken zu Philip Jodidios „Green Architecture“

Denken ist offen oder es ist Ideologie. Architektonisches Denken dazumal. Und konstruktiv wird architektonisches Denken heute, wenn es grün ist. Philip Jodido aber lässt in Green Architecture bewusst offen, was „grün“ heißen könne, solle und müsse. Stattdessen legt er ein wahres Vademecum grüner Architektur vor, einen über sechshundertseitigen Klotz von einem Buch, reich bis reichstens bebildert und informativ, wenn auch eher für den interessierten Laien, denn den Architekten oder Ingenieur. Die Bedeutung des Buches schmälert das aber nicht.

Der Autor steigt mit einem kurzen Gedicht von Barry McGuire ins gründlich grüne Thema ein, das mit den beiden Versen endet: „Green, green, I’m going away / To where the grass is greener still“. Ob da Metaphysisches ins Spiel kommt, sei hier einmal dahingestellt. Der Autor jedenfalls sieht, dass nicht alles, was anderswo grünt grüner ist, auch und besonders in der Architektur nicht – und erst recht nicht, wenn zum Begriff des Grünen noch der der Nachhaltigkeit ins Spiel kommt.

Die Rede ist hier von den „üblichen wortreichen Beschwörungen ‚passiver Energiestrategien‘“ und Jodidio nennt als ein Beispiel die Optimierung des Wärmegewinns durch entsprechende Orientierung von Bauten. Die dürfte aber, auch wenn der Autor hier bloß vom „schon immer“ spricht, minimal seit Vitruvius ein alter Hut sein. Auch die „thermische Masse“ von Beton als Wärmespeicherpotenzial vermag in der historischen Perspektive wenig zu beeindrucken. Massive Stein- und Lehmbauten, so Jodidio, leisten seit Jahrtausenden nichts anderes – „noch dazu mit geringeren Umweltrisiken.“

Dem Autor will es so scheinen, als seien historische Rückbezüge für Architekten erst in den letzten Jahren kein Tabu mehr – trotz Gropius’ Tabula rasa-Wort. Für den österreichischen Nationalökonomen Otto Neurath gibt es unterdessen „keine Tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.“ Für Jodidio und sein gehaltvolles Buch gilt das von der ersten Seite an, wenn er den Rückgriff auf jahrtausendealte Weisheiten als „entscheidenden Befreiungsschlag“ bezeichnet. Er tut das aber nicht ohne ironische Reflexion. Fenster zum Öffnen seien plötzlich wieder eine architektonische Option, auch wenn sie die glatte Ästhetik modernen Fassadenbaus störten. „Sind wir“ fragt der Autor mit gutem Recht „nicht grün und nachhaltig, politisch korrekt und am Puls der Zeit?“

Und zum ironischen Beschluss der launigen Frage empfiehlt Jodidio, den „Beipackzettel der verlockenden grünen Pillen“ genau zu studieren, könne der grüne Wunderwirkstoff doch Nebenwirkungen zeitigen. Tatsache sei, dass unser Solarzellen Schwermetalle enthielten und Maisethanol unseren Planeten womöglich in noch größeren Hunger treibe, bevor es gelingen werde, die Erderwärmung in den Griff zu bekommen. Dass hier nicht mehr und nicht weniger als die gute alte Dialektik der Aufklärung thematisiert wird, verschweigt der Autor, was seinem Einleitungstext aber keinen Abbruch tut.

Aus den genau 100 Beispielen grüner Architektur, die das Buch samt kurzen Werkbiografien der jeweiligen Architekten vereinigt, eines gesondert hervorzuheben, wäre Verrat. Und da Konsequenz bekanntlich ein Kobold ist, der in engen Hirnen spukt, sei hier doch Shigeru Bans „Nomadic Museum“ (S. 90 – 95) hervorgehoben. Ein Projekt, das prima vista mäßig „grün“ erscheint, als – wie sein Name nahelegt – wiederaufbaubares Museum aus Stahlcontainern und Pappröhren aus recyceltem Papier aber ein maximales Maß an Einsatz von recyclingfähigem Material erreicht. Der Bau wurde in New York, Santa Monica (Kalifornien) sowie in Tokio errichtet. Geplant war er für eine Ausstellung der Fotografien Gregory Colberts, die an allen drei Orten zahlreiche Besucher fand – eventuell aber eher wegen des spektakulär nachhaltigen Museumsbaus, denn seiner Exponate.

Markige Zitate Walter Gropius’ sind Legion und leicht ergoogelt. Es gibt aber neben der notorischen Tabula rasa ein Wort von ihm, das dem vorliegenden Wunderwerk von Philip Jodidio zum Motto gereichte: „Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen.“ Die Frage, ob das grüne Architektur wird abzuwenden wissen, muss einstweilen in den Bereich angewandten Hoffens verwiesen werden. Jodidos Buch jedenfalls hilft dabei.

 

Bereits das Cover von "Green Architecture" zeigt, worauf es ankommt

Bereits das Cover von "Green Architecture" zeigt, worauf es ankommt (Cover)

Philip Jodidio, Green Architecture, Köln 2018,

Hardcover 14,5 x 20 cm, 624 Seiten, Taschen,

ISBN 978-3-8365-2220-5

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Datum 14. Juni 2019
Autor Burkhard Talebitari
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