momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Kolumne Falk Jaeger

Zukunftsbesoffen wie in den 60ern

 

© Hyperloop-One

© Hyperloop-One

Es ist nicht schwer, in Deutschland zum nörgeligen Technik-Skeptiker zu werden. Wenn es in Jahrzehnten nicht gelingt, ein funktionierendes ICE-Netz zu etablieren, was anderswo kein größeres Problem zu sein scheint. Wenn es nicht gelingt, einen Transrapid auf die Strecke zu bringen und zu vermarkten. Wenn uns die Chinesen die Solartechnik stibitzen. Wenn wir die Entwicklung der Elektromobilität verschlafen und es nicht einmal schaffen, hierzulande Batterien zu bauen. Ganz zu schweigen von BER und Stuttgart 21. Statt optimistisch und zukunftsgewiss kann man angesichts der Horrormeldungen eher trübsinnig werden.

Andererseits gefällt sich die Presse darin, kritiklos Hirngespinste zu hypen, als lebten wir noch in den zukunftsbesoffenen sechziger Jahren, als das Gefühl verbreitet wurde, die Besiedelung des Mondes stehe unmittelbar bevor, der Luftverkehr werde demnächst in Hyperschallgeschwindigkeit absolviert und mit der Atomkraft seien alle Energieprobleme ein für alle Mal gelöst.

Schon damals schwärmte „Das Neue Universum“ von hubschrauberähnlichen Lufttaxis; heute wird Taxiverkehr per Drohnen herbeifabuliert (siehe mein Kommentar vom 6. Juli 2018).

Nun reibt man sich über neue Kunde aus Hamburg die Augen. „Hamburger Hafen will Container mit Science-Fiction-Zug ins Umland schießen!“, titelte die Presse. Die Hamburger Hafen und Logistik AG HHLA verhandle mit Hyperloop in Kalifornien. Der Tesla-Chef Elon Musk will wieder mal ein Verkehrssystem entwickeln und verspricht, Transportkapseln mit 1200 km/h durch Vakuumröhren zu schießen und damit den Luftverkehr wieder auf den Boden zu holen. Die HHLA denkt nun nicht etwa, damit den Personentransport zu revolutionieren. Güter sollen es sein, Seecontainer, die in Hamburg anlanden und ins Land verbracht werden müssen.

Mit dem Hyperloop könne man 4100 Container pro Tag in Minutenschnelle ins Umland beamen und auf die Weise den Straßenverkehr in Hamburg entlasten.

Irgendwo im Umland (wo das sein könnte, steht noch in den Sternen) könne man sie dann in einem Frachtzentrum auf LKW umladen.

Sicher ist der LKW-Verkehr eine Belastung, aber der Containerhafen ist eigentlich recht gut an das Schienennetz angebunden. Warum man für diesen Shuttle-Dienst zu einem Frachtzentrum nicht die Bahn nimmt, bleibt schleierhaft. Die Kapazität des Hyperloop von im besten Fall knapp 1,5 Millionen Containern pro Jahr wäre bei einem Gesamtaufkommen von 9 Millionen Einheiten ohnehin zu dürftig.

Für besondere Heiterkeit sorgte bei der Meldung die Aussage, der Baubeginn könne „bereits in zwei bis drei Jahren erfolgen“ (Hier würde bei einer WhatsApp eine Reihe lustige Emojis folgen). Ob die HHLA wohl einen Halloween-Scherz verbreiten wollte? Oder ob das Hamburger Abendblatt einen übereifrigen Volontär ohne Elbphilharmonie- und Bahnhof Altona-Erfahrung zur Pressenkonferenz geschickt hatte? Jedenfalls wird in drei Jahren weder das Hyperloop-System entwickelt sein (und schon gar nicht für Frachtcontainer), noch würden bis dahin eine Trasse und der Ort für ein Frachtzentrum gefunden sein, ganz zu schweigen von einem abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren, Planungen und Ausschreibungen. Und von der Finanzierung. Erste Zahlen sagen, ein Kilometer Hyperloop-Doppelröhre kostet 68 Millionen Euro, 3,4 mal so viel wie eine ICE-Strecke.

„Lauft nicht Scharlatanen nach“, möchte man den Hamburgern zurufen, „verschwendet eure Energie und Arbeitskraft nicht an Luftschlösser“. Doch wer will sich schon den Ruf des Ewiggestrigen und des Technikfeindes einhandeln. Aber es genügt vielleicht, beim Blick auf die deutsche Planungsrealität schlicht Realist zu sein, um zu konstatieren: „Dat wird nix!“. Nicht in drei, nicht in zehn und nicht in zwanzig Jahren.

 

© Hyperloop Transportation Technologies (HTT)

© Hyperloop Transportation Technologies (HTT)

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 28. November 2018
Autor Falk Jaeger
Teilen facebook | twitter | Google+

...