momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Vermischtes

Zum 10. Todestag von Hans Wittfoht

Wittfoht, Hans, *26.11.1924 Wittingen/Deutsches Reich, †26.8.2011 Hamburg/Deutschland

Wittfoht, Hans, *26.11.1924 Wittingen/Deutsches Reich, †26.8.2011 Hamburg/Deutschland (Kurrer, 2018, S. 1081)

Hans Wittfoht wurde am 26.11.1924 in Wittingen geboren. Wegen des Kampfes um das wirtschaftliche Überleben zog die Kaufmannsfamilie Wittfoht nach Hamburg, wo Hans Wittfoht eine wohlbehütete Kindheit und Jugend verbrachte und die hanseatischen Tugenden wie Weltoffenheit und Toleranz inkorporierte. Wie so vielen seiner Generation blieb auch Wittfoht von den Schrecken des Krieges nicht verschont. Mit 19 Jahren wurde er zur Sturmartillerieschule Burg befohlen und verließ diese als Leutnant via Frankreich, um dann das Ende Hitlerdeutschlands an der „Ostfront“ zu erleben. Nachdem Wittfoht in der Nachhut den Übergang seiner Division über die Elbe bei Tangermünde sicherte geriet er am Westufer in amerikanische Gefangenschaft, wurde dem englischen Lager Munster überstellt, und hatte dort eine Lagerkompanie von 200 Mann zu führen. Nach seiner Entlassung wirkte Wittfoht maßgebend am Wiederaufbau Westdeutschlands mit: Kometenhaft stieg er in die Führungsriege des Konstruktiven Ingenieurbaus der Bundesrepublik Deutschland auf. Zuerst arbeitete er bei Polensky & Zöllner als Maurer und studierte von 1947 bis 1951 Bauingenieurwesen an der TH Karlsruhe. Dem folgte der Einstieg in das Hauptkonstruktionsbüro von Polensky & Zöllner in Köln; dort arbeitete am Doppelschreibtisch mit Wolfgang Zerna (1916-2005). Hauptaufgabe war die Entwicklung des Spannbetons im Firmenbereich – in Theorie und Praxis (2005, S. 19). Schon 1952 leitete Wittfoht die Spannbetonabteilung, entwickelte das Spannverfahren PZ (Polensky & Zöllner) (1954 u. 1955) und erschloss mit großem Erfolg den Brückenbau für diese neue Bauart. Erwähnt seien hier die stark gekrümmten Brücken an der Hohensyburg (1955) und in Dreis-Tiefenbach (1956) sowie die Straßenbrücke über den Lech bei Rain (1958), einer Brücke, bei der Wittfoht die Länge der Hauptspannglieder auf 187 m steigerte. Die drei erwähnten Spannbetonbrücken führten zu umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen: Die stark gekrümmte Brücke an der Hohensyburg bildete der Aufpunkt für Wittfohts externe Promotion im Jahre 1963 an der TH Karlsruhe bei den Professoren Bernhard Fritz (Referent) und Otto Steinhardt (Koreferent); seine Dissertation erschien schon 1964 als Monographie.

Mit der baustatischen Untersuchung schiefwinkliger Platten befaßte sich Wittfoht im Zuge der Siegbrücke in Dreis-Tiefenbach, ein Problem auf das er immer wieder zurückkommen sollte [Wittfoht, 1961]. Den Einfluss der Reibung auf den Spannkraftverlauf analysierte Wittfoht für stark gekrümmte Spannglieder (1955) und brachte die dabei gewonnenen Erkenntnisse mit weiteren Versuchsergebnissen ein in die Generalisierung der von Bernhard Fritz vorgeschlagenen Formel für den Spannkraftverlauf; Wittfoht verifizierte seine Formel durch Messungen an der Spannbetonbrücke über den Lech bei Rain (1958/2, S. 279).

Die Einheit von technischer Entwicklung, technikwissenschaftlicher Erkenntnis und innovativem Bauen ist charakteristisch für das berufliche Schaffen von Wittfoht. Seinen beruflichen Erfolg führte Wittfoht u.a. auch auf seine militärischen Führungserfahrungen zurück, da er zutiefst davon überzeugt war, dass Bauorganisation und Militärorganisation wesensverwandt sind. Was Wunder, wenn Wittfoht 1959 zum Leiter des Hauptkonstruktionsbüros von Polensky & Zöllner in Köln befördert wurde. Aber damit nicht genug: Wittfoht war wesentlich am Wechsel vom statisch-konstruktiven zum technologischen Paradigma im Spannbetonbau der 1960er Jahre beteiligt. So erprobte er den Freivorbau mit ungestoßenen Spannbündeln 1959/60 erstmals an der Autobahnbrücke über den Main bei Bettingen. Bei der Krahnenbergbrücke am Rhein bei Andernach (1961-1964) setzte er – gegen starke Widerstände mit Unterstützung von Wilhelm Klingenberg (1899-1981) vom Bundesverkehrsministerium – sein Konzept des Vorschubgerüstes durch. Die im Takt arbeitende Fließbandbauweise erfuhr ihren ersten Höhepunkt beim Bau der Siegtalbrücke Eiserfeld (1965-1969), deren Baustelle ab 1966 zum Mekka der Fachwelt avancierte [Wittfoht, 2005, S. 68]. Dem 1968 in die Geschäftsführung von Polensky & Zöllner berufenen Wittfoht gelangen weitere spektakuläre Akquisitionen nicht nur im Brückenbau, sondern im gesamten Ingenieurbau und im Ausland, insbesondere im Mittleren Osten. Mit großem Erfolg bekleidete Wittfoht Ehrenämter in technisch-wissenschaftlichen Institutionen wie dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI), der Internationalen Vereinigung für Brücken- und Hochbau (IVBH), dem Deutschen Beton-Verein (DBV), der Fédération Internationale de la Précontrainte (FIP) und der fédération international du béton (fib).

Von 1970 bis 1987 wirkte Wittfoht als persönlicher haftender, geschäftsführender Gesellschafter von Polensky & Zöllner, die 1988 ihre Bücher schließen mußte. Neben der Verweigerung der Kreditlinie durch die Hausbank, Vorausforderungen des Finanzamtes und Untätigkeit des bundesdeutschen Wirtschaftsministeriums führte das Ausbleiben von Zahlungen des irakischen Bauherrn im ersten Golfkrieg zur Insolvenz. Unter den über 120 Publikationen Wittfohts, sind auch seine Beiträge zur Geschichte des Brückenbaus hervorzuheben (1972, 1984 u. 1990). Seine letzte Buchveröffentlichung trotzte Wittfoht der Parkinson-Krankheit ab (2005). Wittfohts herausragendes Engagement für die Profession des Bauingenieurs brachte ihm hohe Ehrungen ein u.a. das VDI-Ehrenzeichen (1977), die FIB-Medaille (1978), die Ehrendoktorwürde der Universität Stuttgart (1979), die Emil-Mörsch-Denkmünze des DBV (1981), die Gustave-Magnel-Goldmedaille (1984), die Honors Fellowship der Institution of Structural Engineers (1986) und den International Award of Merit in Structural Engineering der IVBH (1989).

 

Wesentliche Beiträge zur Baustatik:

Das Spannverfahren PZ. Allgemeines, Entwicklung und Anwendung (1954)

Überlegungen zum Spannbeton (1955/1)

Reibungsversuche mit Vorspannbündeln PZ an Probekörpern mit starker Krümmung (1955/2)

Vorschläge zur Auswertung von Bruchversuchen an kurzen Spannbetonbiegebalken (1958/1)

Das Einleiten der Vorspannkraft bei langen Spanngliedern am Beispiel der Straßenbrücke über den Lech bei Rain (1958/2)

Betrachtungen zur Theorie und Praxis der vorgespannten, schiefwinkligen Plattenbrücken (1961)

Kreisförmig gekrümmte Träger mit starrer Torsionseinspannung an den Auflagerpunkten. Theorie und Berechnung (1964)

Kreisförmige Träger mit exzentrischer Belastung (1968)

Triumph der Spannweiten – Geschichte des Brückenbaus (1972)

Building Bridges. History, Technology, Construction (1984)

Wohin entwickelt sich der Spannbeton-Brückenbau? Analysen und Tendenzen (1986)

John A. Roebling  – Leben und Werk des Konstrukteurs der Brooklyn-Brücke (1990)

Brückenbauer aus Leidenschaft. Mosaiksteine aus dem Leben eines Unternehmers (2005)

 

Zum Weiterlesen:

Kurrer, Karl-Eugen: The History of the Theory of Structures. Searching for Equilibrium. Berlin: Ernst & Sohn 2018.

Schreibe einen Kommentar…

Datum 26. August 2021
Autor Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Karl-Eugen Kurrer
Schlagwörter ,
Teilen facebook | twitter | Google+