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Historie, Vermischtes

Zum 150. Geburtstag von Emil Mörsch

Bild 1: Emil Mörsch  (*30.4.1872, †29.12.1950),

Bild 1: Emil Mörsch (*30.4.1872, †29.12.1950), (Universitätsarchiv Stuttgart)

Emil Mörsch (Bild 1) wurde am 30. April 1872 als Sohn von Emilie Luise Marie Mörsch (1839-1895) und des Tuchmachers Karl Gottlob Mörsch (1835-1901) in Reutlingen geboren. Nach seiner Schulzeit studierte Mörsch von 1890 bis 1894 Bauingenieurwesen an der TH Stuttgart. Danach wirkte er als Regierungs- und Bauführer bei der ministeriellen Abteilung für Straßen- und Wasserbau mit anschließender Anstellung im Brückenbüro der Württembergischen Staatseisenbahnen. In der von Karl von Leibbrand (1839–1898) geleiteten ministeriellen Abteilung setzte sich Mörsch intensiv mit dessen Dreigelenkbogen-Brücken aus Stampfbetonauseinander. Seitdem bildete der Bogenbrückenbau aus Beton bzw. Stahlbeton eine der  Hauptachsen seines Ingenieurschaffens.

 

 

Bild 2: Titelblatt des ersten deutschen Standardwerkes über Stahlbeton

Bild 2: Titelblatt des ersten deutschen Standardwerkes über Stahlbeton

Am 1.2.1901 Eintritt in die Firma Wayss & Freytag in Neustadt/Pfalz; dort veröffentlichte Mörsch 1902 im Auftrag seiner Firma die erste Auflage seines Buches Der Betoneisenbau. Seine Anwendung und Theorie (Bild 2), ein Buch, das er seit 1908 allein unter dem Titel Der Eisenbeton. Seine Theorie und Anwendung publizierte. Diese Monografie erlebte zahlreiche Auflagen und eine enorme Umfangssteigerung. Mit dem genannten Werk, das 1909 in französischer und englischer, 1910 in italienischer und später in spanischer Sprache erschien setzte Mörsch international Maßstäbe in der Stahlbetonliteratur der Konsolidierungsperiode der Baustatik (1900-1950).
Seine durch Versuche abgesicherte Stahlbetontheorie avancierte für mehr als ein halbes Jahrhundert zur Standardtheorie des Stahlbetonbaus. 1904 Berufung zum Professor für Statik, Brückenbau und Eisenbetonkonstruktionen an die ETH Zürich; vier Jahre später Rückkehr in den Vorstand der Wayss & Freytag AG. Unter seiner Leitung entstanden zahlreiche wegweisende Stahlbetonbauwerke wie die Isarbrücke in Grünewald (1903), die Stahlbetonschalen des bayerischen Armee-Museums in München (1904), die Gmündertobel-Brücke und die Überschneidungsbauwerke im Gleisvorfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs (1913).
Seit 1916 wirkte Mörsch als Professor für Statik, Eisenbetonbau und gewölbte Brücken an der TH Stuttgart. Bis zu seinem Tod hielt er an der Begründung der Bemessung von Stahlbetonbauteilen durch die Elastizitätstheorie fest. Er begründete mit Carl von Bach (1847-1931) die internationale renommierte Stuttgarter Schule des Konstruktiven Ingenieurbaus zu der unter anderem Otto Graf (1881-1956), Fritz Leonhardt (1909-1999), Jörg Schlaich (1934-2021) und Werner Sobek gehören.
Unter den zahlreichen Ehrungen seien die Ehrenmitgliedschaften des Concrete Institute London (1913) und des Brasilianischen Beton-Vereins (1931) sowie die Verleihung der Ehrendoktorwürden durch die TH Stuttgart (1912) und die ETH Zürich (1929) hervorgehoben.
Mörsch war erster Preisträger der 1938 vom Deutschen Beton-Verein gestifteten Emil-Mörsch-Denkmünze.
Emil Mörsch starb am 29. Dezember 1950 in Weil im Dorfe bei Stuttgart.

Wesentliche Beiträge zur Baustatik:
Der Betoneisenbau. Seine Anwendung und Theorie (1902)
Berechnung von eingespannten Gewölben (1906)
Der Eisenbetonbau. Seine Theorie und Anwendung (1920)
Die Berechnung der Winkelstützmauern (1925)
Der Spannbetonträger. Seine Herstellung, Berechnung und Anwendung (1943)
Statik der Gewölbe und Rahmen. (1947)
Die Entwicklung des Eisenbetons seit dem Jahre 1900 (1949)

Zum Weiterlesen:
Bögle, A.; Kurrer, K.-E.: Jörg Schlaich und die Stuttgarter Schule des Konstruktiven Ingenieurbaus. In: Ingenieurbaukunst 2015, hrsgn. v. d. Bundesingenieurkammer, S. 160-171. Berlin: Ernst & Sohn 2014.

Kurrer, K.-E.: The History of the Theory of Structures. Searching for Equilibrium. Berlin: Ernst & Sohn 2018.

Hassler, U., Meyer, T., Rauhut, Chr.: Versuch über die polytechnische Bauwissenschaft. München: Hirmer Verlag 2019.

Leserkommentare

  1. Kurrer Karl-Eugen | 2. Mai 2022

    Von Dr.-Ing. Volker Wetzk (BTU Cottbus-Senftenberg) kam folgender Hinweis:

    “Hierzu der Hinweis, dass die Isarbrücke NICHT wie im Artikel 1903, sondern erst am 1. August 1904 fertiggestellt wurde. Als Quelle hierfür dient der Großmeister selbst: Mörsch: Die Isarbrücke bei Grünwald. Schweizerische Bauzeitung 44 (1904), S.280.”

    Lieber Volker, danke für Deinen Hinweis.

    Karl-Eugen Kurrer

  2. Kurrer Karl-Eugen | 7. Juni 2022

    Liebe Leserinnen und Leser,

    soeben ist mein biografischer Artikel

    Mörsch, Emil. In: Baden-Württembergische Biographien, Band VIII, hrsgn. v. Martin Furtwängler i. A. d. Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag 2022, S. 260 u. S. 265-268.

    erschienen, in dem Leben und Werk dieses Stahlbetonpioniers noch ausführlicher dargestellt ist.

    Karl-Eugen Kurrer

  3. Prof. HW Reinhardt | 8. Juni 2022

    Lieber Herr Dr. Kurrer, vielen Dank für Ihren Bericht.
    Ein schönes Beispiel einer Dreigelenkbrücke aus Stampfbeton steht in Sigmaringen, wo die Hohenz. Landesbahn die Donau quert. Der verantwortliche Ingenieur war Leibrand und der Prüfstatiker Mörsch. Sie wurde 1908-1909 gebaut. Eine Beschreibung findet sich in “Ingenieurbauführer Baden-Württemberg” von J. Shlaich und M. Schüller, Berlin 1999.
    Mit freundlichen Grüßen
    Hans-Wolf Reinhardt

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Datum 30. April 2022
Autor Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Karl-Eugen Kurrer
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