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Historie, Vermischtes

Zum 50. Todestag von Stepan Prokofievich Timoshenko

Stepan Prokofievich Timoshenko  (*22.12.1878, †29.05.1972)

Stepan Prokofievich Timoshenko (*22.12.1878, †29.05.1972) (Timoshenko, 2006)

Stepan Prokofievich Timoshenko erblickte am 22. Dezember 1878 in Shpotovka (Poltava, Ukraine) das Licht der Welt. Er absolvierte 1896 die Romenski-Realschule und fünf Jahre später das Institut für Verkehrswegebau in St. Petersburg; dort und am Petersburger Polytechnischen Institut unterrichtete Timoshenko seit 1902. Aleksei Nikolaevich Krylovs (1863-1945) Methode, Ingenieurprobleme mathematisch mit Differentialgleichungen zu analysieren sollte Timoshenkos wissenschaftlichen Werdegang tief beeinflussen. Noch in seiner St. Petersburger Zeit stellte Timoshenko die Differentialgleichung des Kippens (= horizontale Verformung infolge einer vertikalen Einzellast P an der Kragarmspitze) eines eingespannten Kragträgers mit Doppel-T-Querschnitt auf, die – zusammen mit einem Foto Timoshenkos – auf einer 1998 von der ukrainischen Post herausgegebenen Briefmarke zur Erinnerung an das 100jährige Bestehen des Polytechnischen Instituts in Kiew abgebildet ist.
In Kiew wirkte er von 1906 bis 1911 als Professor und ab 1909 als Dekan der Bauingenieurfakultät und setzte dort u.a. seine Forschungen über die elastische Stabilität dünnwandiger Tragstrukturen erfolgreich fort, die er 1910 in der Zeitschrift für Mathematik und Physik publizierte. Februar 1911 Entlassung im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen zwischen den Hochschulen einerseits und der zaristischen Regierung andererseits; im selben Jahr Verleihung der Zhuravsky-Goldmedaille des Polytechnischen Instituts St. Petersburg für die Abhandlung Über die Stabilität der elastischen Systeme; am letztgenannten Institut arbeitete er von 1913 bis 1917 anstelle von Krylov als Professor für Theoretische Mechanik. 1915 veröffentlichte Timoshenko seine bahnbrechende Arbeit über die Gleisdynamik, die in dem bei Ernst & Sohn publizierten Buch Gleisdynamik (2001, unveränderter Nachdruck 2021) von Klaus Knothe (1937-2021) erstmals vollständig in deutscher Sprache vorliegt.
Nach dem Zeugnis seines früheren Freundes Abram Fjodorowitsch Joffe (1880-1960) schloß sich Timoshenko in den vorrevolutionären Jahren der Gruppe um Maxim Gorki (1868-1936) an.
1918 avancierte Timoshenko zum Professor des Polytechnischen Instituts in Kiew sowie Direktor und Begründer des Forschungsinstituts für Mechanik an der neuorganisierten Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Nach einem Intermezzo als Professor in Zagreb (1921-1922) fand Timoshenko in den USA zuerst bei der Fa. Westinghouse, dann von 1928 bis 1935 als Professor an der Michigan University und danach an der Stanford University ein breites Wirkungsfeld. Wie kein anderer hat Timoshenko die Technische Mechanik des 20. Jahrhunderts beeinflußt, mithin der Baustatik entscheidende Impulse verliehen. Beispielsweise veröffentlichte er 1916 seine Theorie des schubweichen Balkens, der später nach ihm benannt wurde (Timoshenko-Balken) [1]. 1953 erschien Timoshenkos History of strength of materials – ein Standardwerk der Historiographie der Festigkeitslehre im Besonderen und der Technischen Mechanik im Allgemeinen.
1957 stiftete die American Society of Mechanical Engineers, die Timoshenko-Medaille, die im selben Jahr an ihren Namensgeber überreicht wurde. Nach einer Beinfraktur 1964 Umzug zu seiner Tochter nach Wuppertal/Bundesrepublik Deutschland. 1958 und 1967 unternahm Timoshenko noch größere Reisen in die UdSSR. In seinen von Professor Albert Duda vom Russischen ins Deutsche übersetzten Erinnerungen,  2006 bei Ernst & Sohn publiziert, schildert Timoshenko klar und einfach die Wissenschaftskultur des zaristischen Rußlands, des Deutschen Reichs, der UdSSR und der USA. Timoshenkos Autobiographie ist ein exzellentes und seltenes Beispiel für die Erinnerungsliteratur von Ingenieurwissenschaftlern, wo Ingenieurpersönlichkeiten auf faszinierende Weise im Gang der geschichtlichen Entwicklung aufscheinen.
Stepan Prokofievich Timoshenko starb am 29. Mai 1972 in Wuppertal und fand im kalifornischen Palo Alto, seiner zweiten Heimat, seine letzte Ruhestätte.

[1] Ekkehard Ramm und Jan Gade verdanke ich den Hinweis, dass die Theorie des schubweichen Balkens schon 1859 von J. A. C. Bresse in seinem Cours De Mécanique Appliquée – Résistance des Matériaux et Stabilité des Constructions entwickelt hat – freilich ohne Berücksichtigung des Konzepts der Schubkorrektur, s.a. Jan Gade et al.: https://doi.org/10.1016/j.ijsolstr.2021.01.022 (siehe dort Fußnote in Tabelle 1).

Wesentliche Beiträge zur Baustatik:
Einige Stabilitätsprobleme der Elastizitätstheorie (1910)
Zur Frage der Festigkeit von Schienen (1915/2001)
A Course in Theory of Elasticity (1916)
On the correction for shear of the differential equation for transverse vibration of prismatic bars (1921)
On the transverse vibration of bars of uniform cross sections (1922)
History of strength of materials. With a brief account of the history of theory of elasticity and theory of structures (1953/1)
The collected papers (1953/2)
Ustoichivost’ sterzhnei, plastin i obolochek: Izbrannye raboty (Stabilität der Stäbe, Platten und Schalen: Ausgewählte Werke) (1971)
Prochnost i kolebaniya elementov konstruktsii (Festigkeit und Schwingungen der Konstruktionselemente) (1975/1)
Staticheskie i dinamicheskie zadachi teorii uprugosti (Statische und dynamische Probleme der Elastizitätstheorie) (1975/2)

Zum Weiterlesen:
Knothe, Klaus: Gleisdynamik. Berlin: Ernst & Sohn 2001 (unveränd. Nachdruck 2021).
Timoshenko, Stepan Prokofievich: Erinnerungen Stepan P. Timoshenko: Eine Autobiographie. Hrsgn. u. übers. a. d. Russ. v. Albert Duda. Mit einem Geleitwort von Herbert Mang. Berlin: Ernst & Sohn 2006.
Kurrer, Karl-Eugen: The History of the Theory of Structures. Searching for Equilibrium. Berlin: Ernst & Sohn 2018.
Elishakoff, Isaac: Who developed the so-called Timoshenko beam theory? Mathematics and Mechanics, 2020, Vol. 25(1), pp. 97-116. https://doi.org/10.1177/1081286519856931

 

Leserkommentare

  1. Joachim Schwerdt | 29. Mai 2022

    Liber Herr Dr. Kurrer,
    an die durch Sie organisierten Vorträge im Technikmuseum denke ich gerne.
    Dann kam leider Corona.
    Es freut mich, auf anderem Weg jetzt wieder Technik-Informationen zu erhalten.
    Ich war vor kurzer Zeit in Ägypten und sah dort die Bauarbeiten für die neuen Verkehrsverbindungen. Haben Sie dazu genaue Informationen?

  2. Joachim Schwerdt | 29. Mai 2022

    Lieber wird natürlich mit ie geschrieben, zu spät gesehen.

  3. Karl-Eugen Kurrer | 4. Juni 2022

    Lieber Herr Schwerdt,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Die VDI-Vorträge des Arbeitskreises “Technikgeschichte” führen wir bis auf weiteres online durch.
    Soweit mir bekannt ist, hat Siemens neulich von Ägypten einen sehr großen Auftrag über den Bau von Bahnlinien erhalten. Mehr dazu ist mir allerdings nicht bekannt.

    Wir würden uns freuen, Sie auf unseren nächsten VDI-Veranstaltungen zur Technikgeschichte im September begrüßen zu dürfen.
    Am 15.9./16.9.2022 findet die technikgeschichtliche Jahrestagung des VDI am Deutschen Technikmuseum Berlin statt (hybrides Format).

    Beste Grüße
    Karl-Eugen Kurrer

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Datum 29. Mai 2022
Autor Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Karl-Eugen Kurrer
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