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Zur Erinnerung an Doris Greiner-Mai (1945-2020)

Doris Greiner-Mai (2009)

Doris Greiner-Mai 2009 (Foto: Fabian Schellhorn)

Sie liebte die Sprache und die Literatur, die „Innenseite der Weltgeschichte“ – Werner Krauss

Sie liebte die Bildende Kunst, insbesondere eine ihrer praktischen Seiten: Schon als Schülerin widmete sie sich der Malerei, folgte ihrer Begabung für bildhaftes Gestalten und prägte sie aus. Wenn sie in ihrer Freizeit nicht zeichnete und malte, dann las sie ein Buch nach dem anderen. Zeichnung, Bild und Buch, das war ein wichtiger Zugang der am 8. Juli 1945 in Ernstthal/Thüringen am Rennsteig geborenen Doris Margarete Greiner-Mai zum „Welttheater“. In der Zeit des Abschieds vom Elternhaus, in jener Lebensstufe, wo sich das Ich an der Welt bricht und sich auf den Weg nach seiner Bestimmung begibt, kristallisierte sich auch ihr Berufswunsch heraus: Entwurfsarchitektin. Aber wie so oft waren Wunsch und Wirklichkeit praktisch nicht vereinbar.

Welchen Weg beschritt Doris Greiner-Mai?
Jedenfalls nicht den Trampelpfad der stromlinienförmigen Anpassung. Schon als junge Frau neigte sie zum Widerspruch als Agens jedweder Bewegung und Entwicklung, zum kritischen Diskurs, zur widerständigen Seite menschlicher Tätigkeit, aber auch zum verantwortungsvollen und hilfsbereiten Handeln im gesellschaftlichen Nahfeld: „Mit Herzblut“ Dabeisein, das Dasein aktiv gestaltend, ohne Selbstvergessenheit, die Einheit von Rationalität und Emotionalität. So verließ sie die Schule mit Abitur, weder mit einer fertigen Weltanschauung noch im Besitz einer welterklärenden Ideologie, sondern eher fragend wie Bertolt Brecht (1898-1956) seinen lesenden Arbeiter fragen ließ.

Aber der Bedarf der sich formierenden industriellen Bauproduktion der DDR an Entwurfsarchitekten hielt sich in Grenzen. Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 benötigte die DDR mehr denn je Fachleute für den Wiederaufbau sowie die Erweiterung der gebauten Umwelt und zwar nicht nur im Wohnungsbau, sondern gerade auch im Industriebau – der Domäne des Bauingenieurwesens. So studierte Doris Greiner-Mai nicht Architektur, sondern Bauingenieurwesen an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar (HAB Weimar), dem Genius Loci der deutschen Klassik und klassischen Moderne des Bauens. In Weimar hatte sie beides an einem Ort. Ein heiliger Ort der Kultur? In der Nähe von Weimar befindet sich Buchenwald, ein Ort nazistischer Verbrechen. Aber Weimar konnte die geistigen Kräfte fördern, indem es forderte, sich mit der Totalität deutscher Geschichte und Gegenwart auseinanderzusetzen.

Als Doris Greiner-Mai in Weimar 1964 ihr Studium aufnahm, publizierte der Hallenser Schriftsteller Erik Neutsch (1931–2013) mit „Spur der Steine“ die Geschichte des nichtangepassten Hannes Balla auf einer großen Industriebaustelle – ein Buch, mit dem sie sich auseinandergesetzt hatte, zumal der 1966 aufgeführte gleichnamige Film von Frank Beyer (1932–2006) noch im selben Jahr auf Geheiß der Parteioberen abgesetzt wurde, weil die SED die von ihr geforderte künstlerische Gestaltung der „sozialistischen Persönlichkeit“ vermisste. „Die Spur der Steine“ gehört ebenso zur literarischen DNA der DDR wie auch der 10 Jahre posthum publizierte Roman „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann (1933–1973), in dem die Protagonistin der schlechten Wirklichkeit des Städtebaus kleine Verbesserungen abringt und in der Liebe scheitert. Doris Greiner-Mai ist weder Hannes Balla noch Franziska Linkerhand; es finden sich aber manche Züge der Romangestalten an ihr: Mit sich selbst ehrlich und offen sein als Voraussetzung für Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber ihren Mitmenschen.

Welcher Spur folgte sie?
Nach ihrer Diplomhauptprüfung in Weimar wird sie 1970 Assistentin mit Facultas Docenti am von Erhard Hampe (1928–1996) geleiteten Institut für Beton- und Spannbetonbau der HAB Weimar und lernt die anspruchsvollen Partituren des Konstruktiven Ingenieurbaus und seiner Ausdrucksformen in Gestalt von Flächentragwerken im Industriebau zu spielen. Schon 1973 wurde Doris Greiner-Mai von ihrer Alma Mater mit einer Dissertation über das Tragverhalten hyperbolischer Großkühltürme zum Dr.-Ing. promoviert. Zwei Jahre später wechselte sie an das Institut für Industriebau der Bauakademie der DDR. Dort befasste sie sich mit Konstruktionen des Leichtbaus, textilen Flächentragwerken und war später an der Lösung von Aufgaben aus dem Kerntechnischen Ingenieurbau beteiligt. Mitunter musste sie sich nichtplanmäßiger Methoden bedienen: Seile, Schäkel, Kauschen und Klemmen, textile Materialen etc. waren zu beschaffen, das ging nicht immer mit Planvorgaben, sondern nur mit intelligentem Pragmatismus.

1959 formulierte der britische Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow (1905–1980) die These, dass die geisteswissenschaftlich-literarische Kultur einerseits und die naturwissenschaftlich-technische Kultur andererseits sich diametral entgegenstünden und eine Verständigung nicht möglich sei. Diese These von den zwei Kulturen traf für Doris Greiner-Mai zu keiner Zeit zu – sie lebte die Antithese. Für sie war nicht nur die Baukunst, sondern die Kultur überhaupt unteilbar. Und das lag nicht daran, dass sie 1982 als Leitende Lektorin für bauwissenschaftliche Literatur in den Verlag für Bauwesen eintrat, sondern an der Einheit ihrer Persönlichkeit, ihrer Integrität und ihrer umfassenden Bildung.
Sie war Geburtshelferin zahlreicher Fachmonografien, welche die Reputation des Verlages im Bauingenieurwesen über die Grenzen der DDR weiter steigerten – hierzu zählt auch Hampes mehrbändiges Werk über Flächentragwerke und Flüssigkeitsbehälter, von denen manche auch als Lizenzausgabe in der Bundesrepublik Deutschland erschienen sind. 1987 übernahm Doris Greiner-Mai das Lektorat des im Düsseldorfer Werner-Verlag publizierten und von Dietrich Conrad herausgegebenen Reprints von Domenico Fontanas (1543–1607) „Die Art, wie der vatikanische Obelisk transportiert wurde“, das durch wertvolle Beiträge u. a. von Thomas Hänseroth und Klaus Mauersberger ergänzt wurde.

Doris Greiner-Mais hohe Fachkompetenz sprach sich schon vor der Wende in bundesdeutschen Fachkreisen herum. So lernte sie der ältere der beiden Verfasser dieses Nachrufs schon in den 1980er Jahren schätzen: Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die Bestand hatte. Der damalige Geschäftsführer von Ernst & Sohn, Ernst Karl Schneider (1939–2010), erkannte nicht nur ihre fachlichen Qualitäten, sondern auch ihre umfassende Bildung und sollte ins Schwarze treffen, als er Doris Greiner-Mai für die Redaktionsleitung der Zeitschrift „Bautechnik“ gewinnen konnte: Am 1. März 1991 nahm Doris Greiner-Mai ihre Tätigkeit auf – ein Glücksfall für den traditionsreichen Berliner Verlag für Architektur und technische Wissenschaften
Wilhelm Ernst & Sohn
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Schon bald erarbeitete sie für die „Bautechnik“ ein modernes Konzept, das dieser Zeitschrift ein völlig neues Gesicht verlieh und von der Fachwelt positiv aufgenommen wurde. Unter ihrer Ägide schuf sich der Verlag die erste In-house-Redaktion in seiner Geschichte und lieferte die Blaupause für die Neuausrichtung der Zeitschrift „Stahlbau“, die sie 1995 zusammen mit Ernst Karl Schneider in die Wege leitete. Der Jüngere der Unterzeichner ging bei Doris Greiner-Mai in die Lehre, hatte aber manchen Strauß mit ihr auszufechten. Sie förderte seine bautechnikhistorischen Arbeiten und etablierte die Historiografie der Bautechnik in der „Bautechnik“. Von strategischer Bedeutung war ihre systematische Berücksichtigung der Geotechnik im Programm der „Bautechnik“, was durch die Berufung von Achim Hettler in den Redaktionsbeirat „Bautechnik“ zum Ausdruck kam.

Ihr Esprit schlug sich nicht nur in geistreichen Kolumnen nieder, sondern auch in klugen Vorschlägen für Buchprojekte. Sie beherrschte die gesamte Klaviatur der Textformen einer Ingenieurzeitschrift. Doris Greiner-Mai begriff sich als Dienstleisterin für die Autorinnen und Autoren und für die Leserinnen und Leser. Jedes Zeitschriftenmanuskript ging sie sorgfältig durch, sorgte für deren logische Struktur und ein adäquates Verhältnis von Detail und Übersicht. Auch die formale sprachliche Gestalt lag ihr am Herzen und nicht zuletzt die Typografie und das Satzbild.
Vor 10 Jahren verabschiedete sich Doris Greiner-Mai in der „Bautechnik“ und überschrieb ihr Editorial treffend mit „Gratwanderungen“: Es ist die Kunst des Changierens zwischen Empirie und Theorie, Inhalt und Form sowie Detail und Übersicht. Letztlich ist es die Suche nach dem Fließgleichgewicht, als Voraussetzung des Lebens: Wechselwirkung als Causa finalis, vom „Sein zum Werden“ (Ilya Prigogine).

Seit Mai 2020 ist kein Telefongespräch mit Doris Greiner-Mai über Spinozas Gott und die Welt oder über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, möglich. Ihre Bonmots, ihr Witz, ihre Zitate, ihre Lust am Diskutieren, ihre Verdienste um die mediale Kunst der Darstellung des Allgemeinen Ingenieurbaus und ihre klugen Augen sind nunmehr lebendige Bilder erinnernden Denkens.

1882 publizierte der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) die siebte Fassung seines Gedichtes „Der römische Brunnen“:

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Wir verneigen uns vor Dir in Freundschaft, liebe Doris, und werden stets Deiner gedenken.

Karl-Eugen Kurrer, Berlin
Stefan Polónyi, Köln

Leserkommentare

  1. Frank G. Gerigk | 11. August 2020

    Mein Beileid!
    Ich habe sie immer sehr geschätzt!

  2. Jens-Uwe Bühner | 22. August 2020

    Jens-Uwe Bühner, ehem. Kommilitone, Seminargruppe B
    Wir hatten gehofft, dich zu unserem 50. Diplom-Jubiläum in Weimar begrüßen zu können. Leider konntest du an dieser einmaligen Veranstaltung aus gesundheitlichen Gründen schon nicht mehr teilnehmen, was alle sehr bedauert haben. Aber auch du warst in unseren Gedanken dabei. Ich werde unsere gemeinsamen, bewegenden und prägenden Studienjahre mit dir nie vergessen, danke für diese Zeit!
    Nun ruhe in Frieden.

  3. Heinz Brandmayer | 15. September 2020

    Heinz Brandmayer, eh.Autor d.Bautechnik, 15.9.2020
    Der Briefwechsel mit ihr-seit ihrem Ruhestand-in den sie sich übrigens ungern verabschieden ließ-war anspruchsvoll und der interessanteste meines Lebens.In ihrem letzten Brief vom 23.2.2020 erwähnte sie, u.a., einen break down der nichts Gutes erwarten ließ.
    Meine promte Antwort vom 25.2.2020, um die sie ersuchte, blieb ohne Reaktion.
    Sie bleibt in vielerlei Hinsicht unerersetzlich, für ihre Freunde und Kollegen, und für mich.

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Datum 10. August 2020
Autor Karl-Eugen Kurrer und Stefan Polónyi
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