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Rezension

Zwischen Masse und Stützpunkt

Zur Architekturauffassung Hans Kollhoffs

Hans Kollhoff, Architektur – Schein und Wirklichkeit, zu Klampen Verlag Springe 2014, 126 S. Hardcover, 12 X 19 cm

Hans Kollhoff, Architektur – Schein und Wirklichkeit, zu Klampen Verlag Springe 2014, 126 S. Hardcover, 12 X 19 cm

Es würde nicht viel ändern, wäre er nur der Architekt des Walter-Benjamin-Platzes in Berlin Charlottenburg. Hans Kollhoff hat ihm via nicht namentlich gekennzeichnetem Ezra Pound-Zitat auf dem Boden des Platzes eine antisemitische Signatur verliehen, unabhängig davon, ob der Mussolini-Freund und Hitler-Gegner Pound nun seinen Antisemitismus in späten Jahren bereute oder nicht. Und Hans Kollhoff ist kein Antisemit. Das hat auch die Redaktion von ARCH+ nie behauptet, die Kollhoffs Benjamin-Platz in ihrer spannenden Ausgabe „Rechte Räume“ repräsentativen Platz einräumt.

Antisemitische Flaschenpost

Die öffentliche Debatte hielt das Pound-Zitat auf dem nach einem jüdischen Philosophen benannten Platz unweit der Charlottenburger Kantstraße unterdessen für gravierender als den Umstand, den ARCH+ Kollhoff attestiert, indem die Zeitschrift stilistische Beziehungen der Architektur des Walter-Benjamin-Platzes zuvörderst mit Bauten von Marcello Piacentini in Turino aus dem Jahr 1936 ausmacht, bei welchletzterem es sich um Mussolinis Hofarchitekten handelt. Und die Architekturhistorikerin Verena Hartbaum konstatiert, von Kollhoffs Platzarchitektur kündend, „der konservative Architekt“ habe „eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus in die deutsche Gegenwart hineingeschmuggelt“. (Tagesspiegel 4.6.2019)

Was ist gravierender, das Pound-Zitat oder Kollhoffs Architektur? Solch Fragen verweist auf eine im Folgenden entwickelte Crux. Und wer darauf Antwort sucht, kann zu einer nicht mehr ganz neuen Aufsatzkompilation von Hans Kollhoff greifen, die unter dem schlichten Titel „Architektur“ und dem abgekocht matten Untertitel „Schein und Wirklichkeit“ bedenkenswerte bis bedenkliche Thesen des Architekten darbietet. Doch wird, so viel sei hier vorweg angedeutet, wer das tut, eventuell noch konfusierter aus dem Buche zurückkommen. Zumindest den Verfasser dieser Zeilen stellt es jedenfalls vor das Dilemma, dass da einer manches sagt, was minimal der Diskussion wert ist, aber eher Rätselhaftes bis historisch Brenzliges baut.

Bonjour Tristess für den Bürger

Bonjour Tristess für den Bürger

Ich! Ich! Ich!

In dem Aufsatz „Wir und Ich – Zur architektonischen Autorschaft“ erkennt Kollhoff „im Zuge rapider Fortschritte der Neurowissenschaften“ das Ich als Simulation. Architekten aber hätten gleichwohl einen Markt zu bedienen, der nach der „Signatur“ verlange, nach dem „Ich“. Kollhoff zitiert in diesem Kontext den britischen Architekturkritiker Stepen Bayley mit einem „Ich! Ich! Ich“ überschriebenen Aufsatz (Süddeutsche Zeitung, Magazin Heft 16/2009), in welchem Bayley ein – en passant in Zeiten von BIM und Digitalisierung noch einmal verschärftes – Problem anspreche. Architekten würden nicht mehr gebraucht (tatsächlich trifft man sie ja etwa in amerikanischen Planungsbüros bereits nur noch in den Design-Abteilungen) und machten „nun aus verletztem Stolz, was sie wollen“. (S. 30) Um den Frust wettzumachen, den sie beim Entwerfen erdulden müssten, so zitiert Kollhoff Bayley weiter, „beschlossen die Promi-Architekten der Welt, sich selbst zu entwerfen. Koolhaas, Foster, Hadid, Gehry: Sie selbst sind ihre größten Kunstwerke.“ Architektur sei, weiter mit Bayley, „zu einen erstarrten Werbeslogan“ verkommen.

Kollhoff stimmt sodann das Lamento gutbürgerlicher Kapitalismuskritik einer globalisierten Welt an, die nicht nur die der Konsumenten chinesischer Massenware mit italienischen Modelabels, sondern auch die der Großkonzerne sei, die von der Architekten-Zunft servil umworben würden – von BMW über Swiss Re bis zur EZB. Wer wollte aber nur abwinken, wenn Kollhoff von „Monumenten der Finanzmarktkrise“ kündet, „die eine Zockermentalität verraten, der sich nicht zuletzt die Architekten anverwandelt“ hätten. Sehr wohl in Vor-COVID-19- aber in Finanzkrisen-Zeiten schreibt Kollhoff, es habe sich das alleinige Prinzip der Gewinnmaximierung nicht nur für das Bankwesen, sondern auch für die Realwirtschaft als schädlich herausgestellt. Müßig der Hinweis, dass derlei Erkenntnis zwischenzeitlich und zielstrebig süßestem Vergessen anheimfiel; aber ebenso müßig auch der Verweis auf das mäßig Prophetische von David Chipperfields „Ende der Architektur mit dem ‘Wow-Effekt’“, das Kollhoff ebenfalls zitiert und mit Chipperfield als von eskalierendem Renditeverfall und Identitätskrise eingeläutet sieht.

Edle Materialien für sterile, neoklassiszistische Raster

Edle Materialien für sterile, neoklassiszistische Raster

Ideologische Mogelpackung

Schon im nächsten Absatz verweist der Architekt Kollhoff, dessen Baustil bekanntlich gar nicht so neu ist und das auch nicht für sich beansprucht, auf das gar nicht so Neue des Chipperfield’schen Verdachts, wenn er Hendrik Petrus Berlages Wort von 1905 bemüht, die Menschheit habe als Gemeinschaft genommen kein Ideal mehr. Es sei „an der Stelle der gemeinschaftlichen geistigen Interessen das persönliche Interesse getreten, und zwar rein materieller Natur, das Geld.“ Für Kollhoff ergibt sich aus dem Wort des nie modernen, niederländischen Vaters architektonischer Moderne sein bürgerliches, quer durch alle Aufsätze des Bandes angestimmtes Credo, demzufolge es uns nachdenklich machen müsse, „dass just zu jenem Zeitpunkt bürgerliche Konventionen versiegten und die Tradition architektonischen Schaffens, die noch Städte hervorzubringen wusste, im Jugendstil und im daraus erwachsenden Klassizismus ihr Leben aushauchte.“ (S. 31f) Das möchte in der historischen Analyse so falsch gar nicht oder zum Wenigsten doch diskutabel sein, wird aber da zur ideologischen Mogelpackung, wo es auf Kollhoffs neo-klassizistischen Baustil selbst, ganz besonders etwa am Beispiel der im Entstehen begriffenen Werkbundsiedlung am Berliner Spreebord unter Beteiligung Kollhoffs (Parzellen 07, 25, 27 vgl. Werkbundstadt Berlin, Berlin 2016, S. 158 f), unübersehbar durchschlägt.

Im Anschluss an das Zitat seines historischen Gewährsmannes Berlage entfaltet Kollhoff sein ums Haar wutbürgerliches Crescendo rund um den Zusammenhang aus Architektur und Design, das wutbürgerlich zu nennen, ihm am Ende und verharmlosend nicht gerecht werden könnte. Ist ihm doch unter gar nicht so widerstreitenden Umständen womöglich zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass das „ebenso dürftige wie auffällige Bauen zu einer wichtigen Profitquelle geworden“ sei „und das einstmalige Haus zum Konsumgut, das es wie Gucci-Taschen unter die Leute zu bringen“ gelte. (S.32) Man brauche dazu freilich Designer und keine Architekten mehr, die sich mit ihrem Anspruch, nützliche, dauerhafte und schöne Häuser zu bauen, als Sand im Getriebe nur erwiesen.

Der Platz wird angenommen, schrieb die Berliner Presse

Der Platz wird angenommen, schrieb die Berliner Presse (Fotos (4): Mahnaz Talabeitari)

Souveränitätssimulation

Nicht von Ungefähr zitiert Kollhoff nach Berlage mit Peter Sloterdijk einen weiteren konservativen brother in arms herbei, demzufolge „Design ist, wenn man trotzdem kann.“ Design ist Sloterdijk nichts anderes als die „gekonnte Abwicklung des nicht Gekonnten“, mithin eine „Souveränitätssimulation“, die helfe, „in Form zu bleiben inmitten des Formzersetzenden“. (S. 33) Wer wollte solch arge Argumentation im Angesicht der Investitionsarchitektur unserer Metropolen, des noch alles Design nivellierenden Rasterismus endloser Quaderfassaden nonchalant vom Reißbrett, respektive ipad wischen? Mit in diesem Zusammenhang gutem Recht nimmt sich Kollhoff sodann auch noch die steile These des amerikanischen Kulturtheoretikers Mirzoeff vor, maßen derer wir „architectural designs“ bräuchten, „that work like images.“ Der mit einigem Unrecht hier namentlich genannte „Kulturtheoretiker“ versteigt sich – Kollhoff weiß, warum er hier weiter zitiert – zu einem wachsenden Bedarf an „highly visual architecture“. Was wohl seit Robert Venturis „Learning from Las Vegas“ auch kein so neuer Hut mehr sein dürfte, bedeckt hier doch das Elend zeitgenössischer Star-Architektur. Konstatiert Mirzeoff doch, „so wie jeder Konsument heute eine Coca Cola-Flasche erkenne, könne jeder Tourist unmittelbar Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao identifizieren. Das Museum koste 120 Mio. US $ … eine unvergleichliche Investition in ein ‘Image’.“ (dt. B.T.) Es geht hier also um das notorische „signature building“, so Kollhoff, „um einem Ort, einer Firma oder einer politischen Institution eine gewisse Identität zu verleihen.“ Und dann kommt auch das „schon immer“ wieder. Habe Architektur doch jene Identität immer schon gestiftet, mit den ihr gegebenen Mitteln und diskreter“, sei sie doch „in eine architektonische Tradition auf der Grundlage bürgerlicher Konventionen eingebunden.“ Tatsächlich ergibt für Kollhoff sich hieraus ein eventuell leicht drollig anmutendes Wer-bin-ich-und-wo-steh-ich?

„Will ich“ fragt er, „zum Produkt- und schließlich Imagedesigner werden oder spüre ich noch eine hinreichende Basis, diesen Beruf als Metier zu begreifen, als Disziplin, die mir innerhalb eines gesteckten Rahmens alle Freiheit erlaubt, den Ansprüchen unserer Zeit zu genügen?“

Auch wenn wir hiermit nur einem und nicht allen Aufsätzen des Bandes und womöglich selbst dem nicht restlos gerecht wurden, schließt sich hier der Kreis und wir finden uns in Berlin Charlottenburg auf dem Walter-Benjamin-Platz wieder. Genügt, lautet hier ein gar nicht unverblümtes Fragen, eine an Mussolinis Lieblingsarchitekten Marcello Piacentini angelehnte Architektur den Ansprüchen unserer Zeit? Und wenn ja, woher kämen, erst recht in unseren viralen Tagen, jene Konventionen, die noch bürgerlich zu nennen wären, wo Bürgertum längst der Duft aus alter Märchenzeit umweht, insoweit es noch existiert?

Andere Architektur

Das aber wäre nur eine Frage in einem Sog aus Fragen, in welchem die bürgerliche Grundierung von Kollhoffs neo-klassizistischem Architekturideal in einen nicht anders als reaktionär zu nennenden Strudel gerät. Kollhoff bemüht Gottfried Benns „Doppelleben“, in dem dieser „Kunst“ als „statisch“ bezeichnet, „ihr Inhalt“ sei ein „Ausgleichen zwischen Tradition und Originalität, zwischen Masse und Stützpunkt.“ Mit seinen Anleihen bei faschistischer Architektur am Walter-Benjamin-Platz – und sehr wohl nicht zuvörderst mit einem – übrigens Anfang diesen Jahres nach 20 Jahren entfernten! – Pound-Zitat – möchte Kollhoff selbst diesen Ausgleich verfehlt haben, indem er eher der Masse zuspricht, damit aber einen massiven Stützpunkt im reaktionären Diskurs der Gegenwart schafft, was – nota molto bene – kein Bekenntnis zu Investitionsarchitektur und Rasterismus sein kann, aber eines zu einer anderen Architektur.

Der Frage unterdessen, wie diese aussehen könnte, gehe man etwa mit dem Straßburger Architekturphilosophen Mickaël Labbé nach. Dessen bislang nur auf Französische erschienenes Buch „Reprendre place: Contre l’ architecture du mépris“ (etwa: Rückeroberung des Ortes: Gegen eine Architektur der Verachtung) von der These ausgeht, es gehe zunächst nicht um die Okkupation der Wallstreet, sondern um die der eigenen Straße. Das Buch ist ein Plädoyer gegen eine Stadtplanung, die investitionsarchitektonisch urbane Lebenswelten zerstört und für die Rebellion der Bürger:innen durch Ortsaneignung dagegen. Für Labbé könnte so schließlich der Begriff der „Atmosphäre“ wieder in sein architektonisches Recht zu rücken sein. Denn Mickaël Labbé will Schluss machen mit einer Stadtplanung, die kaltherzig auf die Lebenswelt ihrer BürgerInnen zugreift. Die BürgerInnen, fordert er, sollen endlich dagegen rebelllieren.

Schiller schrieb 1795 an Friedrich von Humboldt, Goethe habe von einem schönen Gebäude verlangt, „dass es nicht bloß auf das Auge berechnet sei, sondern auch einem Menschen, der mit verbundenen Augen hindurchgeführt würde, noch empfindsam sein und ihm gefallen müsse.“ – Was aber empfinden wir, auch nur mit offenen Augen etwa auf dem Walter-Benjamin-Platz?

Mehr zum klugen Denken Labbés unter: https://www.deutschlandfunk.de/atmosphaerische-stoerung-gegen-eine-architektur-der.1184.de.html?dram:article_id=475397

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